AUSSTELLUNG & SAMMLUNG zur Übersicht »

KUNSTWERK DES MONATS

Juli 2011

Apolonija Sustersic, Siegen-Visionen, 2003

Die grasgrüne Neonschrift ‚Siegen-Visionen erinnert an eine Werbeschrift. Sie ist der erste Blickfang in Apolonija Sustersics Installation ‚Siegen Visionen. Nach dem einprägsamen Titel lässt man den Blick im Raum schweifen und entdeckt einen Videofilm und eine Reihe verschieden großer Fotografien, die sich über zwei Wände ziehen. Für den einheimischen Besucher ist schnell klar, hier handelt es sich ausschließlich um Fotografien der Stadt Siegen. Auch der Videofilm beschäftigt sich mit der Stadt und dem Umland Siegens.

Aber wie kommt eine slowenische Künstlerin darauf, eine künstlerische Arbeit über eine ihr völlig unbekannte deutsche Stadt zu machen? Apolonija Sustersic wurde 2003 eingeladen an der Ausstellung ‚Performative Installationenʻ im Museum für Gegenwartskunst Siegen mitzuwirken. Sie hatte zu diesem Zeitpunkt bereits einige Projekte durchgeführt, die sich mit dem öffentlichen Raum und seinen Funktionen befassten. Bis heute ist dies das durchgängige Thema ihrer Arbeit.

Ursprünglich als Architektin arbeitend, bemerkte sie zunehmend die Enge von Auftragsarbeiten und den Gegensatz zwischen den Vorstellungen der Auftraggeber und ihrem universelleren Interesse an Architektur. Schließlich gab sie die Arbeit als Architektin auf, um sich ausschließlich im künstlerischen Bereich mit ihren Anliegen beschäftigen zu können. Apolonija Sustersic wird zu Projekten eingeladen, die sich im weitesten Sinne mit Stadtentwicklung, Gestaltung öffentlicher Räume und der Verbesserung von Wohn- und Lebenssituationen befassen. Sie entwickelt ihre Arbeiten im direkten Kontakt mit den ansässigen Menschen vor Ort. Für sie sind die Ausdrucksmöglichkeiten der künstlerischen Arbeit weiter gefasst als in der reinen Architektur und damit auch ihre Interventionsmöglichkeiten: „Faszination für den Raum ist in meiner Arbeit hoffentlich genauso präsent, wie soziale Analyse und gesellschaftliche Kritik: mich interessiert das Befragen und Infragestellen kultureller und institutioneller Kontexte von Orten und Situationen, an und mit denen ich arbeite.“

Die Ergebnisse ihrer Untersuchungen vor Ort präsentiert sie in ganz unterschiedlicher Weise. So entstehen Videos, Ausstellungen, Events und Publikationen. Teilweise errichtet sie Pavillons oder richtet Räume zu einem bestimmten Zweck ein, wie z. B. ein Cafe, ein Kiosk oder eine Bibliothek. Die Bevölkerung der verschiedenen Städte, in denen sie arbeitet, wird stets in den kreativen Prozess miteingebunden. Durch Presseaufrufe und Mundpropaganda werden sie aufgefordert, sich etwa in Form von Fotografien, Videos oder als Benutzer der angebotenen Aktivitäten einzubringen. Sustersics Grundgedanke dabei ist es, die Bedürfnisse der Menschen und ihre Sichtweisen als Leitmotive in ihr Werk einfließen zu lassen. Sie fragt, wie die Menschen in den öffentlichen Raum eingebunden werden, wie sie in Zukunft leben und arbeiten werden und welche Rolle Kunst und Architektur dabei spielen: „Jede Stadt hat ihre eigenen Spezifika, ihren eigenen Charakter, der mich interessiert und mit dem ich arbeite.“

In Siegen war sie fasziniert vom Wohnen im Grünen und den vielen Einfamilienhäusern. Besonders beeindruckend fand sie die Gartensiedlung Wenscht, die als Arbeitersiedlung der Stahlwerke in den fünfziger Jahren angelegt worden war und sich zu einer durchdachten Siedlung mit vielen Angeboten an die Bewohner und einer parkähnlichen Anlage entwickelte. Der Videofilm innerhalb der Installation zeigt Impressionen der Wenscht-Siedlung ebenso wie das Stahlwerk, welches erst zum Bau der Siedlung führte. Des Weiteren sieht man Siegen aus der Vogelperspektive und Siegerländer Eigenheime mit Gärten. An zwei Stellen durchbricht sie jedoch die Siegener Impressionen, indem sie ein Hotel und einen Pavillon zeigt, welche nicht in Siegen zu finden sind. Unterlegt ist der Film mit Musik und einem gesprochenen Text sowie Untertiteln welche dem Buch ‚Empire – die neue Weltordnungʻ entnommen sind.

Dieses Buch versucht ein kommunistisches Manifest für das 21. Jahrhundert zu erstellen und befasst sich mit der aktuellen Weltordnung sowie der Globalisierung und ihrer Auswirkung auf die Menschen. Hier knüpfen die Ideen der Autoren an die von Sustersic an, denn sie befasst sich mit den Auswirkungen des Wohn- und des sozialen Umfelds auf den Menschen. Sie versucht, mittels der Kunst und ihrer Freiheiten, Strukturen aufzubrechen und kleine Veränderungen im Denken zu erreichen. Allerdings arbeitet Sustersic sehr subtil, sie sieht sich nicht als Revolutionärin. In radikalen Veränderungen sieht sie keinen Sinn: „Letztendlich sind wir alle Teil der Strukturen. Ich glaube nicht an die Revolution, Evolution ist schon schwierig genug.“ Sustersic nutzt die Möglichkeiten, die ihr Museen heute geben, um neue Wege zu gehen. Museen sind keine reinen Ausstellungsräume mehr, sie bieten einen Ort, an dem Ideen umgesetzt werden können und entwickeln sich zu einem Ort der Kommunikation, teilweise gleichen sie eher einem Kulturzentrum und verlieren, so hofft Sustersic, damit ihren elitären Charakter.

Die Ansichten von Siegen, die ihr von den Bürgern zugesandt wurden, sind als eigenständiger Teil in die Installation integriert. Auch die Namen der Fotografen sind genannt, um deren individuelle Sicht auf Siegen aufzuzeigen. Sustersic veränderte nichts,
lediglich die Art der Präsentation behielt sie sich vor. Diese Vorgehensweise ist charakteristisch für Sustersics Werk, welches vom demokratischen Grundgedanken des sozialen Kunstwerks lebt und in dem jede Mitarbeit gleich viel Gewicht hat.

(Sammlung Museum für Gegenwartskunst Siegen)

Kirsten Schwarz


Öffnungszeiten

Täglich
Donnerstag
Montag
Feiertage
Neujahr

 

11–18 Uhr
11–20 Uhr
geschlossen
11–18 Uhr
14 – 18 Uhr


Preise

Erwachsene
Ermäßigt

5.90 €
4.60 €

Alle Preise ››

Kontakt

Museum für Gegenwartskunst Siegen
Unteres Schloss 1
57072 Siegen
t 0271 405 77-10
t 0271 405 77-0
f 0271 405 77 32
info@mgk-siegen.de