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KUNSTWERK DES MONATS

Juli 2010

Lucian Freud, Head of a Man, 1968

Seine verstörenden Ansichten vom (nackten) menschlichen Körper haben ihn berühmt gemacht, Lucian Freud, den neunten Rubenspreisträger der Stadt Siegen, oder sollte man sagen berüchtigt? Dass seine Ansichten vom menschlichen Antlitz genauso verstörend wirken können, scheint man nicht bemerkt zu haben. Jedenfalls riefen die Porträts keine Skandale hervor. Dabei betreibt Freud in ihnen nicht mehr und nicht weniger als die radikale Infragestellung jener Bestimmung des Porträts, die in der langen Gattungsgeschichte zentral erscheint: die bleibende Gegenwart eines Menschen zu garantieren.

„Head of a Man“ (Charley Thomas) ist die früheste der drei Porträtdarstellungen Freuds, die in der Sammlung Lambrecht-Schadeberg vertreten sind, und eine der vitalsten. Von oben schauen wir direkt ins Gesicht eines Mannes, der in einem blauen Hemd auf oder vor einer weißen Unterlage, vielleicht einem Kissen, liegt oder sitzt. Der knapp gegebene Körperabschnitt lässt den Kopf des Mannes gefährlich nah erscheinen. Auch wenn er uns nicht direkt ansieht, da seine Augen über der gebrochenen Nase auseinander laufen, können wir uns ihm nicht entziehen: Die filmische Perspektive hält ihn hautnah vor Augen.

Das kleinformatige, 1968 entstandene Gemälde vermag zwei entscheidende Momente im Werk Lucien Freuds zu dokumentieren: Zum einen den besonderen Blickwinkel, unter dem er seine ‚Objekte’ visiert und der eine deutliche Orientierung an der Kamera verrät (konzentrierte Nahaufnahme, ungewöhnliche Ansichten), und zum anderen den entscheidenden Wendepunkt in der Entwicklung seiner Malerei, die Wende zur Farbe als alleiniger Gestaltungsgrundlage.

Der 1922 in Berlin geborene Enkel von Sigmund Freud emigrierte 1933 mit seiner Familie nach England. Durch die Eltern schon früh zu künstlerischer Tätigkeit ermuntert und angeleitet, rundete er seine Ausbildung an verschiedenen Kunstinstituten in London ab. Mit 17 Jahren wurden erste Zeichnungen von ihm veröffentlicht, wie ja überhaupt die Zeichnung und die Linie in Freuds früher Kunst Vorrang genossen. Mit 20 Jahren galt er als Wunderkind der Londoner Kunstszene. Freud begann mit Bildern, die durchaus den Einfluss der Neuen Sachlichkeit erkennen lassen, aber auch surrealistische Tendenzen sind kaum zu übersehen. Erst in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelt er dann in der Auseinandersetzung mit verschiedensten malerischen Vorbildern, vor allem Francis Bacon, seine ganz eigene Ausdrucksweise. Er ließ die bisher gepflegte eher flache, linear geprägte Malerei hinter sich und entwickelte eine ganz eigene, die expressiven Möglichkeiten der Farbe erprobende Malerei, um fortan allein aus der Farbe einen neuen Typus figurativer Malerei zu entwickeln. Zentrales Thema auch dieser neuen Malerei ist – wie schon zuvor – der menschliche Körper („naked portrait“) und das menschliche Gesicht („portrait“).

Das Porträt wird für Freud also seit den 60er Jahren immer ausschließlicher durch Farbe bestimmt. Mehr noch, Freud wartet mit einer neuen, radikalen Symbiose auf, wenn er bekennt: „Für mich ist die Farbe die Person“. Die Farbe hat für ihn nunmehr nicht nur essentielle, sondern existenzielle Bedeutung. Was ist damit gemeint?

Wir sehen wieder den nahsichtig gegebenen Kopf des Mannes, sehen ihn optisch nach vorn kommen durch das zurückweichende Blau des Hemdfragments und den sich einrollenden Kragen beziehungsweise das hinterlegte Weiß des Kissens. Wir sehen bei Annäherung wie das Gesicht sich in Farbformen auflöst, die sich voneinander abschließen, aber auch neue Bindungen eingehen. Wir sehen die Bewegung der farbigen Flächen und Flecken, die Farbhandlung des Bildes. Dabei wird uns bewusst, dass das Gesicht des Mannes, seine Eigenart und seine Ausstrahlung aus nichts anderem als aus dünner oder dicker aufgetragenen Farbflächen und Farbflecken besteht. Und wir beginnen zu verstehen, weshalb Freud für seine Arbeit am Portrait in seinem Atelier unter den berüchtigten 500 Watt Birnen so viele Sitzungen benötigte: Bis zu 150 Stunden mussten seine Modelle aushalten.

Denn es ging ihm zunächst um die Überführung der exakt beobachteten physiognomischen Details eines wiederzugebenden Gesichts in Farbdaten, um aus diesen heraus dann das Gesicht neu aufzubauen, zu erschaffen. Für diesen Übersetzungsvorgang war aber die Anwesenheit der zu Portraitierenden unabdingbar, denn Freud wollte die unmittelbar gesehene Wirklichkeit (er spricht hier von „Wahrheit“), nicht die gekannte Wirklichkeit seiner meist aus der Familie oder dem Freundeskreis stammenden Modelle ins Bild bringen.

Dementsprechend gründet die Existenz des „Head of a Man“ tatsächlich in Farbe, da seine Lebendigkeit aus dem Zusammenwirken und dem sich Verfestigen der Farbformen zu Motiven herrührt. Folglich lächelt nicht der „Head of a Man“, sondern die Farbe seines Bildes.

(Sammlung Lambrecht-Schadeberg)


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