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Kunstwerk des Monats

Januar 2016

Bridget Riley, Clepsydra I, 1976

„Ich denke, dass die Kurve gebogene und ausschweifende Rhythmen erzeugt, ganz ähnlich wie Tänzer. Tanz ist sehr präsent in meinem Kopf.“ [1]

Die zartfarbenen Wellen in Clepsydra I (1976) scheinen tatsächlich über die Oberfläche zu tanzen. Graue gebogene Streifen laufen vertikal über die Bildfläche. Sie sind gerahmt von kurzen, ebenfalls gebogenen Streifen in Orange, Grün, Pink oder Blau. Die Rhythmisierung der Farben, die Länge und Breite der einzelnen Farbfelder setzen die Bildoberfläche in Bewegung, sie scheint eigenständig Wellen zu schlagen. Die Streifen beginnen scheinbar zu tanzen, bis sie verschwimmen und in der Wellenbewegung aufgehen.

Natürlich sind dies Phänomene, die erst im Auge des Betrachters, nicht tatsächlich auf der Leinwand passieren. Die Künstlerin Bridget Riley beschäftigt sich zeitlebens mit dem ‚Sehereignis‘ des Betrachters. Sie interessiert sich für grundlegende visuelle Kräfte und möchte diese zur Wirkung bringen. Die Farben, die abstrakten Formen und die Rhythmik der Farbformen dienen dazu, das Sehen in eigenständiger Weise erleben zu lassen.

Am Beginn ihres Schaffens in den 1960er Jahren stehen abstrakte Bilder mit starkem Schwarz-Weiß-Kontrast. Ende des Jahrzehnts experimentiert sie jedoch bereits mit pastellenen Farbkontrasten, bis sie in den 1980er Jahren zu einem neuen Formen-und Farbrepertoire findet. Clepsydra I stammt aus der Gruppe der pastellfarbigen Bilder – hier ist außerdem eine Form präsent, mit der sich Riley intensiv auseinandersetzt: die Kurve.

Kurven sind für Riley immens wichtig. Während das Quadrat (und in diesem Sinne auch die Linie und der rechte Winkel) für sie menschengemachte Formen sind, die zur Konstruktion dienen, ist die Kurve organisch, vielleicht sogar ein bisschen unberechenbar:

„Ein Quadrat ist eine von Menschen gestaltete Form, eine sehr fundamentale und letztlich sehr vertraute Form. Es muss zurückgehen auf eine Zeit, als Menschen anfingen Dinge herzustellen, zu entwerfen, zu konstruieren. Die Kurve ist aber nicht definiert." [2]

Dabei sieht Riley die Kurve doch unmittelbar mit dem Menschen verbunden:

„Wenn man davon ausgeht, dass der Kontrapost eine fundamentaler menschliche Bewegung darstellt, dann ist die Kurve eng verbunden mit der stehenden Figur.” [3]

Und so hat die Wellen- oder Kurvenform auch direkte Auswirkungen auf den Betrachter und seinen Körper. Einige müssen den Blick von Clepsydra I abwenden, da die unruhige Bildoberfläche eine körperliche Reaktion auslöst. Andere halten den Blick, aber bewegen sich vor dem Bild, um eine Veränderung der Wellenbewegung auszutesten.

Der Name Clepsydra geht auf das griechische Wort klepsydra zurück; es bedeutet wörtlich übersetzt ‚Wasserdieb‘ und meint eine Vorrichtung, die als Wasseruhr benutzt wurde. Das auslaufende Wasser markierte die Stunden des Tages. Wasser und Zeit werden oft mit ähnlichen Eigenschaften versehen. Der Wasserkreislauf, oder auch die ewige Bewegung einer Wasseroberfläche – ganz ähnlich wie im Bild – erinnert an die fortlaufende Zeit.

Auch in Bridget Rileys Werk steht die Zeit nicht still. Sie wendet sich ab den 1980er Jahren neuen Ausdrucksformen zu. Die Farben werden kräftiger und leuchtender, die Kurve wird erst zugunsten des Streifens, dann der Raute aufgegeben. Doch bereits 17 Jahre später, 1997, findet die Kurve zurück in ihr Werk: gebogene Kanten an Rauten zeugen in Werke wie Lagoon davon. Danach folgen großformatige Gemälde mit großen, meist diagonal verlaufenden Bögen und Kurven, die nun andere Sinneseindrücke auslösen als das 'Wellenbild' Clepsydra I.

Ines Rüttinger

[1] “I think of the curve as generating sweeping rhythms, really, very much like dancers. Dance is very much in my mind.” Zitiert aus: „About Curves, Bridget Riley in conversation with Paul Moorhouse”, März 2015 in: „Bridget Riley. The Curve Paintings 1961-2014”, S. 53.
[2] "A square is a man-made shape – a very basic one – and as a result very familiar. It must go back to the time when man began to make something, plan something or construct something, but the curve is not defined.” Ebd., S. 43.
[3] "If you think that contrapposto is the basic human movement, the curve is very much connected to the standing human figure.” Ebd., S. 47.


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