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Kunstwerk des Monats

Januar 2015

Vajiko Chachkhiani, "Chapter with no end", 2014,

Dieses Kunstwerk war in der Ausstellung „Vajiko Chachkhiani. Both“ (26.10.2014-08.02.2015) ausgestellt. Vajiko Chachkhiani (geb. 1985 in Tbilisi/Tiflis, Georgien, lebt und arbeitet in Berlin) hat am 26. Oktober 2014 den 7. Förderpreis zum Rubenspreis der Stadt Siegen erhalten.

Ein Mann liegt mit angewinkelten Beinen, den Rücken zum Betrachter gewandt, auf einer Grabplatte. In seiner näheren Umgebung sind weitere Gräber zu erkennen, teilweise sind sie durch Zäune voneinander abgegrenzt. Der Mann liegt offensichtlich auf einem Friedhof. Während des zwanzigminütigen Videos wird er seine Position nicht verändern. Die Einstellung der Kamera bleibt ebenfalls unverändert. Die allmähliche aber einschneidende Veränderung im Film führt die Zeit herbei. Während des Videos bricht die Dämmerung herein, die den Liegenden letztendlich in vollkommene Dunkelheit hüllt.

Mit einer Dauer von 21 Minuten und 28 Sekunden ist dies das längste der in der Ausstellung gezeigten Videos Vajiko Chachkhianis. 1985 in Tiflis geboren lebt und arbeitet er in Berlin. Neben Videos zeigt der georgische Künstler Relikte früherer Performances und Objekte aus verschiedensten Materialien, an denen jeweils eine Veränderung oder Ergänzung durch ein gegensätzliches Material vorgenommen wurde. Chachkhianis Videos sind, wie auch „A Chapter with no end“ meist ungeschnitten und zeigen nur eine Einstellung, so dass sie im ersten Moment als Standbilder wahrgenommen werden.

Die Figur des liegenden Mannes zieht die Aufmerksamkeit zu Beginn des Videos auf sich. Seine embryonale Haltung lässt vermuten, dass er schläft oder ruht, sein Gesicht ist jedoch verborgen. Die  Bewegungslosigkeit der Gestalt führt dazu, dass der Blick des Betrachters nach einiger Zeit abschweift, die Umgebung wird inspiziert, man erkennt den Friedhof und zuletzt den schmalen Streifen am oberen Bildrand, der eine Straßenszene zeigt. Wenn alle Elemente des Bildaufbaus erfasst sind, bemerkt man wie nebenbei auch die schleichende Veränderung  nämlich das Schwinden des Lichtes. Man muss immer genauer hinschauen, um die liegende Figur auf dem grauen Stein noch zu erkennen. Der unbeleuchtete Friedhof verschmilzt sukzessiv zu einer dunklen Fläche und der Liegende, der das Bild zuvor noch bestimmte, verschwindet in ihr. Zugleich wird nun jedoch ein anderes Element bildbestimmend, denn die oben am Rand vorher schemenhaft wahrgenommene Straße tritt nun durch eine Art Lichtband in den Fokus. Fasziniert beobachtet der Betrachter nun ein geschäftiges Treiben aus vorbeifahrenden Autos und flanierenden Fußgängern vor den hellen Flächen der Fenster.

Die Funktion des liegenden Mannes bleibt ungeklärt. Er vollzieht keinerlei Handlungen und seine Beweggründe, den Friedhof als Lagerstätte zu nutzen, werden nicht ersichtlich. Aber sein verstörendes Bild bleibt während seines „Verschwindens“ im Bewusstsein des Betrachters. Die Nähe zum Tod, die der Friedhof impliziert, verunsichert viele Besucher und verhindert einen längeren Aufenthalt; der Gedanke, sich auf ein Grab zu legen ist für viele ein Tabu. Für den Künstler jedoch beinhaltet die Beschäftigung mit dem Tod auch einen starken positiven Aspekt, da er zugleich auf das Leben verweist. Dessen hoher Stellenwert wird erst durch die Bewusstmachung des Todes, durch das Memento mori, deutlich. Dies geschieht in Chachkhianis Werk mehr durch Andeutungen und Symbole als durch konkrete Zeichen. Den großen Dualismus zwischen Leben und Tod will Chachkhiani durch die Aufteilung in existenzielle Begriffe wie Isolation und Fremdheit, Abwesenheit und Anwesenheit,  Zeit und Dauer, Beständigkeit und Wandel für sich ergründen.

So entstand mit „Chapter with no end“ ein unvermutet poetisches Werk, welches von einer irritierenden Ausgangslage zu einer klaren Metapher für das Leben wird. Der Blick des Betrachters wird vom Friedhof auf die Straße gelenkt und das Verlöschen des Tageslichtes führt zum Aufflackern des erhellenden, von Menschen gemachten Lichts. Die Dämmerung als klassisches Bild für das Verlöschen des Lebens bildet hier den Auftakt zum Blick auf das Leben.

Im Werk Chachkhianis spielt die Auseinandersetzung mit dem Begriff der Zeit eine wichtige Rolle. Mehrere Arbeiten in der Ausstellung widmen sich Fragen nach der Bedeutung der Zeit für Menschen in verschiedenen, oft existenziellen, Lebenslagen. Seine Videos dreht er darum in Echtzeit und sagt: „Der Film hat einen Anfang und ein Ende, er besteht aus Zeit.“ Zeit wird so erfahrbar gemacht, das langsame Verrinnen, die fast unmerklichen Veränderungen durch Licht, Wind und Bewegung. Chachkhiani zwingt den Betrachter inne- und die Langsamkeit auszuhalten, erst dann wird die Poesie der Filmsequenz offensichtlich. In einem Interview zur Ausstellung sagt Chachkhiani: „Poesie hat die Kraft, Fragen aufzuwerfen, die auf verborgene Werte im Leben, in einer Situation oder einem Gegenstand verweisen.“

Kirsten Schwarz

 

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