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Kunstwerk des Monats

Januar 2014

Kathrin Sonntag, Blame it on Morandi (Schuld hat Morandi), 2011

Die Arbeit „Blame it on Morandi“ („Schuld hat Morandi“) der Berliner Künstlerin Kathrin Sonntag (geb. 1981) besteht aus 27 Fotografien, die in einer Endlos-Schleife als Diaprojektion gezeigt werden. Neben dem nostalgischen Geräusch des Weitertransportes der Dias hört man eine selbstkomponierte Musik der Künstlerin, die an Krimi-Soundtracks der sechziger Jahre erinnert. Auf den ersten Blick scheint die Szenerie klar zu sein – ein Schwenk über 360° zeigt einen Arbeitsraum. Auf einem Tapeziertisch, der vor einem Fenster steht, befinden sich Gegenstände, die der Welt des Stilllebens zuzuordnen sind: Gefäße mit Wasser, Bücher, Spielkarten, Würfel, Pflanzen, Geschirr, Bilder, Spiegel, Münzen, eine Schere, Briefklammern, ein Hammer, ein Schachbrett, eine Pfeife, ein hölzernes Geodreieck, ein Memoboard mit Bildern an der Wand. Viele Dinge erinnern an das klassische Repertoire eines holländischen Stilllebens des 17.Jahrhunderts. Das Auge des Betrachters wandert über die Gegenstände und ordnet sie instinktiv ein – der Arbeitsraum einer modernen Künstlerin, die sich wohl mit Stillleben beschäftigt und ein solches fotografisch festgehalten hat.

Steht man als Betrachter nun nicht auf, um zum nächsten Kunstwerk zu wechseln, sondern schaut der Diaprojektion ein zweites Mal zu, schleichen sich zunehmend Irritationen ins Bewusstsein. Wir sehen dieselben Gegenstände, dieselbe kompositorische Anordnung, aber plötzlich scheint nichts mehr zu passen. Ein Tischchen mit nur einem Bein steht an einen Heizkörper gelehnt, ein darauf abgelegter schwererer Gegenstand würde es sicher zum Umstürzen bringen. Die kleine an der Wand hängende Leinwand, die die Bildrückseite zeigt, ist das nicht die Kopie eines Gemäldes von Cornelis Gijsbrechts?i Der Würfel steht auf der Spitze, das Ei steht aufrecht ohne beschädigt zu sein. Der Hammer liegt in höchst fragilem Gleichgewicht auf der Tischkante, man erwartet geradezu seinen Fall. Ebenso instabil lehnt das Geodreieck auf dem spitzen Winkel an den Streben des Tisches. Überhaupt, die Tischstreben – sind das nicht zu viele und in welche Richtung weisen sie? Eine perspektivische Unmöglichkeit, ebenso wie die Streben die im Spiegel auf der Fensterbank zu sehen sind, aber nirgendwo davor – was wird hier gespiegelt? Diese Frage stellt sich auch in Bezug auf den runden Spiegel, der auf dem Boden liegt und ein Graffiti zeigt, dessen Original durch die Fensterscheibe nur rudimentär erkennbar ist. Ein Vexierbildii, an der Wand lehnend, zieht den Blick auf sich, aber kaum hat man die Illusion erkannt, zieht die Diashow schon weiter. Das Memoboard zeigt ebenfalls einige optische Besonderheiten, wie die Fotokopie eines trompe-l’oeil-Gemäldesiii , welches ein holländischen Steckbrett zeigt und damit zugleich die perfekte Illusion dieses Steckbrettes. Die Gestaltung des Memoboards wiederum entspricht dem Streckbrett des Gemäldes, dessen schwarz-weiß-Kopie wir hier sehen. Ist das ebenfalls dort eingesteckte Foto eines Schirmständers nicht dasselbe, das vorher auf dem Tisch lag? Des weiteren hängt dort das Bild eines unmöglichen Gegenstandes, ähnlich der sog. ‚Unmöglichen Lattenkiste‘, hierbei handelt es sich um einen dreidimensionales Gebilde aus Latten, das durch das Mittel unrichtiger Verbindungen normaler Elemente zu einer enormen optischen Irritation führt. Diese Illusion funktioniert nur in zweidimensionaler Abbildung, da ein Verschieben der Perspektive den Trick sofort entlarvt.

Kathrin Sonntag treibt das Spiel mit diesem unmöglichen Lattengerüst noch einen Schritt weiter und zeigt es uns ein Dia weiter als scheinbar nachgebautes Modell im Zimmer schwebend. Nun ist die Absurdität perfekt – handelt es sich um das vergrößerte Bild des Gegenstandes, oder den Gegenstand selbst, aber wieso stimmt die Perspektive dann noch immer nicht? Spätestens an diesem Punkt des Werkes ist der Kopf des Betrachters mit so vielen verwirrenden Bildern vollgestopft, dass man unbedingt einen Stillstand des Loops herbeiwünscht, um alles noch einmal in Ruhe betrachten zu können und dem Geheimnis der Dinge endlich auf die Spur zu kommen.

Doch die Künstlerin treibt ihr Spiel noch weiter auf die Spitze, indem sie uns ein umgestürztes Glas präsentiert, dessen Inhalt sich in einer Pfütze auf dem Boden ergießt. Diese Pfütze setzt sich auf einem großen Poster fort, welches das größengetreue Abbild einer Tür und des Atelierbodens zeigt und somit als moderne trompe-l’oeil-Täuschung funktioniert. Lediglich das aufgerollte untere Ende des Posters enthüllt die Wahrheit. An dieser Stelle wird nun die abschließende Illusion eingesetzt, denn man fragt sich, ob es sich hier nicht um dieselbe Tür handelt, deren Existenz wir eben noch auf der linken Seite des Zimmers wähnten und die sich nun nach dem scheinbaren Schwenk durch den gesamten Raum plötzlich in der rechten Ecke befindet. Kathrin Sonntag zeigt uns keinen 360°-Blick, sondern nur 180°! Diese ultimative Illusion erzeugt das Gefühl zwei simultane Welten zugleich zu sehen und stürzt damit Auge und Hirn in heillose Verwirrung.

„Zwei verschiedene Welten an ein und demselben Ort und zur selben Zeit zu sehen, ruft ein Gefühl hervor, als ob man unter einem Zauber stünde.“ iv So beschrieb Bruno Ernst das Gefühl vor den Werken des holländische Zeichner und Grafiker M.C. Escher,v der sich Zeit seines Lebens mit der Erstellung perfekter optischer Illusionsräume beschäftigte. Wichtig war in seinem Werk die darstellerische Logik der Illusion. Kathrin Sonntag hingegen durchbricht in ihrem Werk die Perfektion und das Bestehen der Illusion über deren bewusstes Erkennen hinweg, sie will nichts vorführen wie ein Zauberkünstler, sondern unseren Blick schärfen und den Trick, wenn auch erst auf den zweiten oder dritten Blick, enthüllen. Aber etwas Mühe muss sich der Betrachter dabei geben, denn das Einlassen auf ihr Spiel ist die zwingende Notwendigkeit, um in Sonntags Welt einzutauchen, und sie letztlich auch lesen zu können. Ein Spiel kann man nur zu zweit spielen, über die Regeln muss man sich einigen und so sollte man bei Kathrin Sonntag während der sorgfältigen Betrachtung ihrer Werke an die Magie und ein ‚Dahinter‘ glauben.

„Es geht mir um den Moment, an dem man sich zu wundern beginnt.“ sagt die Künstlerin und weiter: „Wenn sich der Wahrnehmungsmodus ein bisschen verändert, wird man aufmerksamer.“ vi Es geht um ein Innehalten, darum, das Betrachten wieder als solches wahrzunehmen, als einen langsamen, bewussten Akt, der Konzentration erfordert. Gegen die tägliche mediale Bilderflut erfordern Kathrin Sonntags Werke – egal ob aus den Bereichen Video, Installation oder Fotografie – das ‚Beschauliche‘ des Schauens.

Betrachten ist im Gegensatz zum Sehen immer ein bewusster Vorgang. Der britische Neuropsychologe Richard Gregoryvii stellte in seinen Untersuchungen zur menschlichen Wahrnehmung fest, dass es beim Sehen keine Reaktionszeit gibt, jedes Bild wird instinktiv eingeordnet, die konzeptuellen Entscheidungen, die nach dem Betrachten einer Sache getroffen werden, können hingegen beliebig viel Zeit in Anspruch nehmen. In die Lücke zwischen Wahrnehmung und Wissen um die Dinge stößt die Illusion: „Wenn Wissen die Wahrnehmung festlegen würde, wären wir blind für das Ungewöhnliche oder nahezu Unmögliche, was in ungewohnten Situationen gefährlich wäre.“ Wir sind also ständig auf der Hut vor dem Ungewohnten und sind bestrebt, alles Visuelle logisch einzuordnen, um uns in der Welt zurechtzufinden. Störungen empfinden wir im ersten Moment als erschreckend. Illusionen entstehen durch falsche Einschätzungen, diese Fehlinterpretationen funktionieren aber erstaunlicherweise auch weiter, wenn die Illusion bewusst gemacht wird.

Mit diesem Umstand spielt Kathrin Sonntag. Täuschungen, fotografische Dopplungen, das Spiel mit Größen, Farbverwirrungen durch den Einsatz schwarz-weißer Techniken, perspektivische Verschiebungen und optische Unmöglichkeiten finden sich in ihrem Werk. Sie verweist auch immer wieder auf illusionistische Bilder der Kunstgeschichte und deren generelles Statement, das abbildendes Zeichnen und Fotografieren immer eine Täuschung sind, „denn sie suggerieren drei Dimensionen, obwohl nur zwei da sind.“ viii

Alle diese verschiedenen Elemente werden von Katrin Sonntag humorvoll in einen eigenen Zusammenhang gestellt. Denn innerhalb ihrer stringent durchkomponiert und aufgeräumt wirkenden, mit sparsamen Farbeinsatz gestalteten Rauminstallationen, würde man eine Augen-Täuschung nicht vermuten. Es sind keine Suchbilder, im Gegenteil, das Absurde der übersichtlichen Kompositionen enthüllt sich erst allmählich, das Erstaunen verstärkt sich während des Betrachtens und wir stellen uns zunehmend die Frage: „ Was glauben wir zu sehen und was sehen wir wirklich?“ Die Prämisse der Fotografie, dass diese die Wirklichkeit abbilde, lässt das Auge des Betrachters in die Falle tappen, die Kathrin Sonntag subtil und ironisch gelegt hat.

Kirsten Schwarz

 

i Cornelis Gijsbrechts, „Rückseite eines Gemäldes“, 1670

ii Ein Vexierbild ist ein Bild, das durch eine spezielle Konstruktion aus verschiedenen Blickrichtungen unterschiedliche Bildinhalte vermittelt.

iii Cornelis Gijsbrecht, „Trompe l’oeil, Steckbrett mit Pistole“, 1664. Das trompe l’oeil war ein beliebtes Sujet der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts. Es ist ein Spiel mit der Wahrnehmung, der Versuch eine ‚Supertäuschung‘ zu malen, die dem Betrachter das aufregende Gefühl einer bewussten Augentäuschung vermittelte. Meist handelte es sich bei diesen Stillleben um sog. Quodlibets, die verschiedene Gegenstände des täglichen Gebrauchs, darunter häufig Briefe und Dokumente in Originalgröße zeigten.

iv Bruno Ernst, Der Zauberspiegel des M.C.Escher, Berlin 1986, S.73.

v Maurits Cornelis Escher (1898-1972) wurde bekannt durch mathematisch korrekt erstellte Holzschnitte, Lithografien und Zeichnungen unmöglicher Konstruktionen und Metamorphosen.

vi Beate Scheder, „Spiel mit der Täuschung“, Artikel über Kathrin Sonntag, 22.01.2013 auf www.berliner-zeitung.de

vii Richard L. Gregory (1923-2010) war ein britischer Neuropsychologe, der bekannt wurde durch seine Untersuchungen zur visuellen Wahrnehmung und deren Täuschung. U.a. veröffentlichte er mit dem Kunsthistoriker Ernst H. Gombrich 1973 einen Katalog mit dem Titel „Illusions in Nature and Art“.

viii Zitat M. C. Escher, s. Anm. 4, S. 6.


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