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Kunstwerk des Monats

Januar 2013

Cécile Hummel, „Zeit Sehen – Zurück Blicken“, 2012

Beim Betreten des Raumes werden wir überrascht von vielen Schwarz-Weiß-Fotos, die die schweizer Künstlerin Cécile Hummel in unterschiedlichen Höhen und Gruppierungen auf den Wänden verteilt hat.

Zahllose Augenpaare sehen uns an. Sie gehören zu Personen, die in einem Fotoatelier für ein Porträt posieren, Einzelpersonen, Paare, Familien. Sofort überkommt uns die Gewissheit, dass diese Menschen nicht mehr leben.
Von einer gewissen Distanz aus erleben wir die Bilder als einfache, wenn gleich stark vergrößerte fotografische Porträts aus längst vergangenen Zeiten. Die Bilder erstrecken sich über alle vier Wände des Raumes, dabei ist jede Wand auf eine andere Weise gestaltet. Der Betrachter bewegt sich im Raum, sein Blick wird auf unterschiedlichen Wegen durch die Darstellungen geführt. Satte dunkle Töne lassen die Bilder vorerst ruhig wirken, doch das schweifende Sehen wird immer wieder unterbrochen. An Gesten, Gesichtern, hellen oder farbigen Stellen, an geisterhaften Überblendungen, an Löschungen oder Auszeichnungen von Details bleibt der Blick hängen.

Die Arbeit Zeit Sehen – Zurück Blicken der schweizer Künstlerin Cécile Hummel basiert auf Glasnegativen, die sie einem Straßenhändler in Süditalien abkaufte. Die Aufnahmen entstanden in den 1930er und 1940er Jahren. Hummel scannte die Abzüge der Glasnegative digital ein und druckte sie im Offset-Verfahren großformatig aus. Dargestellt sind Personen, die für ein Porträt posieren – wahrscheinlich mit der Absicht, dass die Fotografie ihre Individualität an einem bestimmten Moment in ihrem Leben fixiert und so den Angehörigen auch in den folgenden Generationen als wertvolles Erinnerungsbild dient. Die Fotografien besitzen auch eine kulturgeschichtliche und soziologische Gültigkeit, die über den privaten Anlass hinaus geht. Denn die sich mit fortschreitenden technischen Möglichkeiten als Massenmedium entwickelnde Fotografie löste die klassische Porträtmalerei ab und machte eine neue Erinnerungskultur des kleinen und mittleren Bürgertums möglich.

In den Bildern erkennt man dasselbe Staffage-Mobiliar, die gleiche straffe Haltung und die Sonntagskleidung der Dargestellten, der fertige Abzug jedoch, den die Kunden von dem Fotostudio bekamen, war etwas anderes als das, was wir nun in diesen Bildern sehen.
„Was wir sehen, blickt uns an.“ , schreibt Georges Didi-Huberman in seiner Publikation zur Metapsychologie des Bildes. Was uns hier anblickt, sind weniger die Porträts der Personen in den historischen Fotografien, als die ‚fehlerhaften’ Stellen, die farbigen Flächen, die transparenten oder vollständigen Überblendungen. Diese sogenannten „Störstellen“, die Cécile Hummel in die Bilder einbaut, veranschaulichen den Prozess der künstlerischen Bearbeitung. Interessant ist auch, dass sie auf die Rohfassung der Bilder zurückgreift, die Ausschnitte der Glasnegative nicht verändert. Leerräume und Hilfsmittel zum Positionieren der Personen (beispielsweise den Schemel, auf dem der Junge steht) bleiben sichtbar und zeigen die Differenz zwischen der Aufnahmesituation im Fotoatelier, dem Produkt der Porträtfotografie und den aktuellen künstlerischen Bearbeitungen, die durch die Digitalisierung möglich geworden sind.
Weitere Schichtungen und „Störstellen“ sind durch das Experiment mit dem Druckverfahren und die Wahl des Papiers entstanden. Auch die Anordnungen der Einzelbilder an den Wänden gehören zum Arbeitsprozess der Künstlerin. So bekommt jedes Bild einen subjektiv-künstlerischen Ausdruck. Man könnte sagen, dass die ursprünglichen Fotografien, die auf einen bestimmten Moment in der Vergangenheit verweisen sollten, durch die Bearbeitung der Künstlerin gefiltert wurden. Die Anordnungen der Bilder sind vergleichbar mit einem Satzbau – die Einzelbilder verkörpern die Worte, die in der rhythmischen Hängung einen Satz bilden. Unsere Augen bewegen sich somit durch die Sätze aus Bildern, die Wände wären die Seiten eines Buches. In jeder neuen Ausstellung ordnet sie die Bilder neu an, wählt andere Motive und bildet dadurch immer neue „Sätze“.

In vielen Werken Hummels spielt das Nachleben der Antike und die Umformung von historischen Bildmotiven eine große Rolle. Ihre künstlerische Praxis spiegelt sich – ähnlich zu Aby Warburg – in dem beständigen Ordnen und Umordnen von gezeichnetem, selbst fotografiertem oder gefundenen Bildmaterial wider, wodurch Zeit- und Denkräume eröffnet werden sollen.

Wie der Titel der Arbeit Zeit Sehen – Zurück Blicken vorgibt, lässt Hummel uns „Zeit“ sehen. Da Zeit allerdings keine fassbare Substanz ist und auch schwer darzustellen ist, versucht sie mit ihrem Werk „Zeit“ erlebbar bzw. erfahrbar zu machen. Die Aspekte der Zeiterfahrung in Hummels Werk stellt einerseits der künstlerische Bearbeitungsprozess der historischen Fotografien dar, welcher somit in die Zeit des gegenwärtigen Betrachters transferiert ist. Andererseits bilden die ursprünglichen Fotografien eine Markierung vergangener Momente, wodurch sich beim Betrachten eine Tiefendimension von Zeit auftut. Hummels Arbeit kann als eine simultane Aktualisierung und Distanzierung der historisch-fotografischen Momentaufnahme gesehen werden, durch die beim Betrachter ein Denkraum eröffnet wird.
Jeder Betrachter sieht etwas anderes in den Bildern und in ihren Verknüpfungen untereinander. Vielleicht erinnert man sich an seine eigene „Zeit“, an seine eigene Familiengeschichte.


Katja Siebel


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