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KUNSTWERK DES MONATS

Januar 2012

Armin Linke, Restaurant View, Cairo, Egypt, 2006

Armin Linkes Fotografie erscheint wie ein riesiges harmonisch komponiertes Reisefoto. Es zeigt die staubige Terrasse eines einfachen Ausflugslokals in der Nähe Kairos, wie der prosaische Titel verrät. Ein kurzer Blick auf die Panorama-Ansicht und man glaubt, das Motiv einordnen zu können: ein Lokal mit Meerblick.

Die blau-graue dunstige Weite hinter dem scharf heraus stechenden, spärlich möblierten Lokal deutet das durch Reisefotografie geschulte Auge als Meer. Die Ausrichtung der Tische und Sonnenschirme in einer langen Linie verweist ebenfalls auf den Umstand, dass es dort wohl etwas Interessantes zu sehen gibt. Doch schon der zweite Blick entdeckt irritierende Details, am rechten Bildrand scheinen sich winzige Gebäude im Nebelmeer zu befinden. Der Betrachter tritt näher und erkennt tatsächlich statt des erwarteten Wassers ein Häusermeer.
Im linken Bildteil ist dieses nur noch äußerst schemenhaft zu erahnen. Tritt man zurück, ist es wieder verschwunden und der Eindruck eines Strandlokales verstärkt sich erneut.

Der Schwerpunkt dieser Fotografie liegt auf dessen streng formaler Präsentation.
Kleine, unbelaubte Bäumchen wechseln sich, streng symmetrisch angeordnet, mit den Sonnenschirmen und Tischgruppen ab. Der Vordergrund liegt in grellem Sonnenlicht, die beiden einzigen Besucher sind aufgrund der Distanz zum Motiv kaum auszumachen. Doch den Großteil des Bildes nimmt die riesige Nebelfläche ein, deren Absurdität angesichts des klaren Wetters im Vordergrund ebenfalls erst auf den zweiten Blick auffällt. Diese bewusste Irritation ist ein Stilmittel des italienischen Fotografen Armin Linke. Er spielt in seinen Fotografien mit Proportionen und festgefahrenen Wahrnehmungen, um seinen überschaubaren Reportage-Fotografien eine tiefere Bedeutung zu verleihen, als nur das Festhalten eines besonderen Augenblicks. Auf den ersten Blick wirken sie stets bekannt, doch bieten bei genauerer Betrachtung das Motiv oder dessen Anordnung überraschende Eindrücke. Die scheinbaren Momentaufnahmen sind keine Schnappschüsse eines Reporters, sondern nach sorgfältiger Recherche ausgesuchte Orte, deren Besonderheiten Linke nicht klar herausarbeitet, sie werden eher beiläufig präsentiert. Er ist nicht auf der Suche nach einmaligen Motiven und will keine herausragenden Einzelfotos schaffen. Er ist vielmehr daran interessiert, Motive in einem größeren Zusammenhang zu zeigen, denn die Eigenarten bestimmter Ort werden so erst in der Serie sichtbar und zeigen
Verbindungen, die das Einzelbild nicht leisten kann.

Die Globalisierung und ihre Auswirkungen auf den Einzelnen, sowie dessen Ohnmacht und oftmals Gleichgültigkeit ihr gegenüber sind Linkes zentrale Themen. Die Anklage erfolgt jedoch subtil und ohne den moralischen Zeigefinger. Linke möchte nicht aufrütteln, sondern durch die Betrachtung und das allmähliche Erkennen der Beziehungen ein Nachdenken hervorrufen. Manche Fotografien erstaunen oder wirken melancholisch, manche scheinen erhaben und eindrücklich, aber immer ist die Distanz des Fotografen zu seinem Motiv deutlich. Linke tritt niemandem zu nahe, er überschreitet keine Grenzen, um einen bestimmten Effekt zu erzielen, und doch gelingt es ihm, den Betrachter zu fesseln. Dieser nimmt plötzlich neue Perspektiven wahr, sieht die Dinge wortwörtlich aus einem anderen Blickwinkel.

Armin Linke begann 1999 ein Foto-Archiv anzulegen, welches Veränderungen in der Natur und die daraus resultierenden Veränderungen in den menschlichen Gesellschaften in verschiedensten Facetten zeigt. Großbauprojekte, die Eroberung und Ausbeutung der Alpen als vorgeblich intaktes Naturareal, Räume der Macht in Italien, Umweltverschmutzung und –ausbeutung sind große Themengebiete. Weil Armin Linke seine Intentionen jedoch ohne Effekthascherei verfolgt, müssen seine Bilder auf andere Art wirken. Sie sollen langfristig bewegen, das ist dem Künstler wichtig. In 20 bis 30 Jahren sollen sie noch ihre Gültigkeit haben, wenn auch vielleicht ihre Motive von Science- Fiction zu Historie verschoben erscheinen.

Dokumentieren und Komponieren sind zwei gleichbedeutende Merkmale seiner Arbeit und verweisen auf Linkes künstlerisches Konzept. Das Panorama-Format mit seinen typischen weißen Streifen verwendet er häufig, dadurch wird das Bild in eine Unbestimmtheit versetzt, gleichsam ein filmischer Effekt erzielt. Er hat ein untrügliches Gefühl für Plätze, die am Rande eines besonderen Wandels stehen. Wie werden diese Orte später bewertet werden, bleibt ihre ideologische Aufladung erhalten, sind die angedeuteten Missstände behoben worden oder haben sie sich noch verstärkt? Diese Fragen stellt Linke an alle seine Fotografien. Der Betrachter hingegen fragt nach der Wahrhaftigkeit der Orte, was ist inszeniert, was ist authentisch? Oder auch: wie wäre es, an diesem Ort zu sein, welche Wirkung hätte er auf mich?

Auf die Fotografie aus Kairo bezogen, würde man wohl ein Gefühl des Unwohlseins verspüren, denn der strahlende Sonnentag im Ausflugslokal zeigt eindringlich den unbarmherzigen Smog, der sich häufig über die Stadt legt und eben jenes Erlebnis unmöglich macht, weswegen man den Ausflug zu diesem Punkt machte, eben die Aussicht auf Kairo zu genießen. Armin Linke sucht auf der ganzen Welt nach solch verstörenden Momenten. Bekanntes kehrt er in Neues um und er findet Bilder der Stille an lauten Orten. Man fühlt in Linkes Bildern die Irritation bevor man sie sieht.

(Sammlung Museum für Gegenwartskunst Siegen)

Kirsten Schwarz


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