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KUNSTWERK DES MONATS

Januar 2011

Katrin Ströbel, Import Export, 2008
Ausgestellt in "Je mehr ich zeichne"

Eine Wand voller bunter Plastiktüten zieht den Blick an. Wie Luftballons auf einem Kindergeburtstag wirken sie, farbenfroh und lustig. Im Nähertreten bemerkt man, dass all diese Tüten Zeichnungen tragen. Fasziniert beginnt man zu schauen, zu lesen, zu übersetzen und ist schon mittendrin in der Arbeit „import export“ von Katrin Ströbel.

Die 1975 geborene Künstlerin erhielt 2008 ein Stipendium der Cité Internationale des Arts in Paris. Die hier gezeigte Arbeit ist das Ergebnis des sechsmonatigen Aufenthaltes in der französischen Hauptstadt. Katrin Ströbel zeigt welche Formen das Zusammenleben der verschiedensten Kulturen erzeugt, es kann witzig, ästhetisch, absurd und ineinander verwoben daherkommen. Wo ist Assimilation, wo ist Abgrenzung im scheinbar Alltäglichen zu finden? Die Künstlerin wiederholt und verdichtet – ohne moralische Wertungen – den Mikrokosmos der zufällig vorbeiziehenden Eindrücke in einer lebendigen, multikulturellen Metropole und führt uns so zu völlig neuen Sichtweisen auf Dinge, an denen wir im Gewimmel der Stadt achtlos vorbeigehen würden: Eine Straßenszene mit einer Ladenwerbung ‚dans la ville chinoise’, ein Restaurant ‚La cantine russe’, ‚Supermarche del’ Asie Tang freres’ – wer wird hier angesprochen? Ein Sprachenwirrwarr, welches teilweise absurde Züge trägt, wie in dem abgezeichneten Slogan ‚So french – L’art de vivre a la francaise’.

Ladenschilder mit wunderschönen, ornamentalen Schriftzügen hängen neben abgezeichneten Grafitti. Werbung für exotische Speisen und Zutaten finden sich ebenso wie das Titelblatt eines ins Arabische übersetzten Asterix-Bandes. Katrin Ströbel ist eine passionierte Spaziergängerin, sie lässt die Stadt an sich vorüberziehen und dokumentiert jede noch so banal erscheinende Impression, die erst durch die Bearbeitung durch die Künstlerin und eine neue Zusammenstellung auf ein andere Bedeutungsebene gelangt. Im Konvolut der Zeichnungen finden sich eine Kirche, ein Gebetsteppich, eine Hinweistafel auf eine Moschee und eine Gedenktafel für eine französische Jüdin – das Zusammenleben der Kulturen und Glaubensrichtungen ist von Konflikten und Katastrophen geprägt.

Kontaktanzeigen ausländischer Studenten zeugen von der Einsamkeit im fremden Land und die gezeichneten Buchtitel ‚Herz der Finsternis’ von Joseph Conrad und ‚Die deutsche Kolonialgeschichte’ von Winfried Speikamp beschäftigen sich mit dem Blick des Europäers auf fremde Kulturen. Neue Sinnzusammenhänge werden gebildet und in der Betrachtung Fragen aufgeworfen, die die Künstlerin impliziert, aber nicht offen stellt. Sie thematisiert kulturelle Überlagerungen, im Schmelztiegel der Metropole erkennt sie die Orientierungslosigkeit der Menschen, aber auch die Bereicherung, die ein enges Zusammenleben vieler Kulturen bietet.

Katrin Ströbel bindet vorgefundene Strukturen in ein neues Gebilde, welches aus Text und Bildfragmenten besteht. Während ihrer Spurensuche stellt sie immer wieder Fragen nach der Entstehung von Bildern und Vorstellungen: „Die Menschen sind in Bewegung, reisen in Länder, die sie noch nie gesehen oder betreten haben. Geleitet werden sie von Bildern. (…) Wie entstehen solche Bilder? Wie verändern sie sich im Laufe der Zeit? Woraus werden sie gespeist, wie gefiltert? Wie konstruiert sich das Exotische? Wie das Bedrohliche? Wie sieht die Fremde aus?“

Die Bilder selbst findet sie an den Orten ihrer zahlreichen Arbeitsaufenthalte, so besuchte sie bereits Marokko, den Senegal, Nigeria, Südafrika und verschiedene französische Städte.

Katrin Ströbel arbeitet mit verschiedenen Techniken, ausgehend von den Fundstücken ihrer Spaziergänge. Daraus werden bearbeitete Fotografien, Videoinstallationen oder Zeichnungen auf Papier. Die Installation „import export“ hingegen hat einen ungewöhnlichen Bildträger – billige, bunte Plastiktüten wie man sie auf Märkten und Basaren für den Einkauf erhält. Katrin Ströbel transportiert mit ihnen nicht nur gekaufte Waren, sondern transponiert auf ihnen gesammelte Bilder. Sie zeichnete mit schwarzem Stift nur die Konturen der Bilder ab, die sie vor Ort zeichnete oder fotografierte. Die Idee, die gebrauchten Tüten zu nutzen, kam ihr als sich immer mehr der transparent-bunten Beutel angesammelt hatten, deren Herkunft aus kleinen Gemüse-, Lebensmittel- und Souvenirläden jedem bekannt ist. Diese Orte wiederum werden in der Arbeit thematisiert: Werbung von Asienläden, Hallal-Schlachtereien und afrikanischen Kunsthandwerkern wird zeichnerisch übernommen.

Nicht jede Zeichnung ist zu entschlüsseln, viel Fremdes, Unverständliches ist zu sehen, doch gerade diese Dinge, Schriften und Bilder faszinieren uns und üben einen ästhetischen Zauber aus, der dem vielleicht banalen Inhalt nicht innewohnt. Die Befremdung ist eine bewusste Irritation, selbstverständliches Verstehen ist nicht mehr möglich – so erregt die Künstlerin unsere Aufmerksamkeit. Der Betrachter muss sich selber, wie ein Fremder, einen Weg durch die Zeichnungen suchen. Erstaunen rufen etwa die ins Arabische übersetzten Kinderbuch-Titel hervor (‚Tim und Struppi’ und ‚der kleine Prinz’), deren Darstellung uns geläufig, die Schrift dagegen völlig fremd ist. Neugier hingegen soll der Buchtitel ‚Der Bauch des Ozeans’ von Fatou Diome, einer (hierzulande) unbekannten senegalesischen Autorin, wecken. Eine Bereicherung stellt die Beschäftigung mit der Literatur ferner Länder sicher dar. So nehmen zwei Grundbedürfnisse des Menschen einen großen Raum in der Installation ein – das Essen und die geistige Nahrung.

So leicht und beschwingt die Arbeit auf den ersten Blick wirkt, so schwierig ist ihr Thema. Die Tüten und damit die Zeichnungen bewegen sich beim leisesten Luftzug, aber wie beweglich ist unser Denken im Bezug auf das Andere, das Fremde?

Katrin Ströbel bewertet unsere Sicht auf ihre Arbeit nicht, im Gegenteil, für sie steht der Arbeitsprozess im Vordergrund: „Ziel ist, im Rahmen eines solchen Projektes zunächst weniger ein abgeschlossenes Werk zu schaffen, als eine Arbeitsweise offen zu legen und vorläufige Ergebnisse zur Disposition zu stellen.“ Sie will ihr Erstaunen, ihre Entdeckungen teilen ohne Denkrichtungen vorzugeben: „Wenn ich ehrlich bin, kann ich die Welt nur so fragmentarisch wiedergeben, wie ich sie wahrnehme. Den großen Überblick kann ich nicht bieten.“

(Ausgestellt in: "Je mehr ich zeichne")

Kirsten Schwarz


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