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Kunstwerk des Monats

Februar 2016

Rémy Zaugg, Für ein Bild

… Nehmen wir ein konkretes Beispiel:

„… Nehmen wir ein konkretes Beispiel: die Serie der Bilder mit dem Titel "Für ein Bild". Es sei eine grundierte Leinwand, die mit Hilfe von Nägeln auf einen Rahmen gespannt ist. Das ist der gewöhnliche Bildträger, so wie man ihn im Handel kaufen kann. Seine Funktion ist bekannt. Das Objekt dient dem Zweck, Farbe zu tragen, ein Bild aufzunehmen. Leer ist es der Ort eines potenziellen Bildes, ein Ort, der auf ein Bild wartet. Im Atelier des Malers sehnt sich die leere Leinwand nach einem Bild, sie ruft nach ihm. Also macht sich der Maler an die Arbeit, er macht Farbe an. Sein Vorbild ist die Grundierung der leeren, jungfräulichen Leinwand. Er kopiert und ahmt sie nach. Die gemischte Farbe ist die Kopie und Nachahmung des weißlichen, leicht gräulichen, gelblich-grünlichrötlichen Farbtons der leeren Leinwand. Nun malt er mit einem breiten Pinsel. Er zeichnet und füllt das Rechteck der Leinwand aus. Er arbeitet relativ schnell, die Farbe ist dickflüssig, pastos, reliefartig, uneben, es hat sogar Fließspuren. Die Farbe ist sichtbar, sie ist gegenwärtig, sie behauptet sich. Der Maler nimmt sie wahr. Er stellt sich Fragen. Er stellt dem Bild Fragen. Was bedeutet dieses malerische Zeichen? Was sagt dieses Ding, dieses Bild-Objekt aus? Was zeigt es? Was stellt es vor, was stellt es dar, oder was stellt es vor/dar?

Der Maler beschließt, seine Interpretationen, seine Reflexionen, seine Beobachtungen ins Bild selber zu integrieren. Mit einem Pinsel Wörter zeichnen, wie wenn man mit dem Kugelschreiber einen Brief schreiben würde? Nein. Schade, denn die Technik ist rasch, doch wären die Schriftzüge malerische Elemente, Malerei, wie ihr Grund. Der Maler will aber Wörter, nicht mehr und nicht weniger, bloß Wörter, wie in einem Buch, auf einem Prospekt oder einem Plakat. Die Wörter drucken? Diese Technik wäre gewiss praktisch, doch es ist nicht möglich, Wörter auf eine so pastose und unebene Oberfläche zu drucken – diese Ein-Drücke würden allem anderen als gedruckten Wörtern gleichen. Wie vorgehen? Der Maler muss die Wörter malen. Er ist ja schließlich Maler. Also zeichnet und malt er sie von Hand, damit sie wie gedruckt aussehen. Eine enorme Präzisionsarbeit, um Buchstaben zu realisieren, die auf eine  glatte Oberfläche gedruckten Buchstaben zum Verwechseln ähnlich sind. Ein gewaltiger Aufwand, um den Akt des Malens auszulöschen. Eine intensive Arbeit des Malers, um jede Schwäche der Hand zu eliminieren. Ein malerischer Kraftakt, um die Malerei zum Verschwinden zu bringen. Arbeit, um die Arbeit zu besiegen. Anstrengung, um die Anstrengung zu verschleiern. Eine beflissene Langsamkeit, um der Zeit Herr zu werden. Nur um diesen Preis wird der Buchstabe entstehen können. Niemand wird ihn gemacht haben. Er wird einfach da sein. Eine einfache, glückliche Präsenz, ohne Biografie. Ohne Autor. Ohne Maler. Auch das interessiert mich. Dieses Paradox, das verunsichert, destabilisiert, Zweifel auslöst und mich schließlich zum Staunen bringt. …“    

 

Rémy Zaugg, aus: „Gespräch zwischen Rémy Zaugg und Bernhard Fibicher“(1994/1999/2000), in: Reflexionen von und über Rémy Zaugg, Ausst.-Kat. Kunsthalle Bern, Verlag für Moderne Kunst Nürnberg, 2000, S. 167-169.


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