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Kunstwerk des Monats

Februar 2014

Artur Żmijewski, Blindly, 2010

Artur Żmijewski, Blindly, 2010

„Warte, ich habe vergessen wo die Sonne war.“ Tastende Finger wandern auf der Suche nach Farbspuren über das Papier. „Ist dies Gelb?“ Farbflaschen werden gesucht und arrangiert. „Kannst Du schon sagen ob der Kopf rund ist?“ Die aufgetragene Farbe wird mit den Händen überprüft. Es ist keine gewöhnliche Malklasse, die hier ihre Bilder zu Papier bringt. Die Dialoge, Gesten und Gesichter machen es nach und nach deutlich: hier malen blinde Menschen.

Der polnische Künstler Artur Żmijewski hat eine Gruppe Blinde eingeladen, im Atelier sich mit Farben auf Papier auszudrücken. Dabei malen sie Landschaften, (Selbst)porträts oder auch Tiere. Die Reichweite der Arme bestimmt die Wahrnehmung des Blattes und des Bildes. Im Gegensatz zu einem Blick, der alles auf einmal erfassen kann, muss mit dem Tasten der Raum und so auch das Bild nach und nach zusammengesetzt werden. Der Künstler unterhält sich währenddessen mit ihnen, gibt Hilfestellung mit dem Papier, den Farben und den Bildern. Der Film wirft sofort mehrere Fragen auf: Warum lässt Żmijewski blinde Menschen Bilder malen? Was können sie darstellen, uns zeigen? Was bringt es blinden Menschen, sich bildnerisch auszudrücken? Was für Bilder können sie malen? Was ist ein Bild? Entstehen Bilder erst durch das Sehen? Existieren sie erst vor unseren Augen oder schon in unserem Kopf? Ist das visuell erfassbare Ergebnis wichtiger als der Prozess?

Eine ähnliche Kommunikation wie zwischen Żmijewski und seiner Gruppe beschreibt die Blindenpädagogin Renate Walthes. [1] Ein blinder Junge wünscht sich einen Fotoapparat. Die Sehenden geben Hilfestellung bei der Motivwahl und später beschreiben sie das fertige Foto. Dabei wird den Sehenden erst klar, dass vieles nicht so eindeutig ist wie es scheint. Hört der Junge Freunde um die Ecke herum spielen, nimmt er an, sie wären für die Kamera ebenso wahrnehmbar wie für seine Ohren. Ihm ist neu, dass man durch ein Fenster hindurch sehen kann, durch eine Wand aber nicht, obwohl sie beide aus fester Substanz bestehen. Andersherum möchte er den für die Kamera unsichtbaren Wind fotografieren, weil er ihn um sich herum spürt.

Im Falle von Blindly eröffnet sich ein weiteres Problem: die Malfarben sind alle von gleicher Konsistenz und unterscheiden sich nur durch ihre Farbigkeit. Doch was wissen wir über die Farbvorstellung von Blinden? Natürlich muss hier unterschieden werden zwischen Späterblindeten und Blindgeborenen. Ein Blinder, der einmal sehen konnte, hat Erinnerungen an Farben, und vielleicht entsprechen die Bilder vor seinem geistigen Auge diesen Erinnerungen. Ein Blindgeborener hat keinerlei Referenzsystem um Farben zu beschreiben, für ihn sind andere Eigenschaften von Objekten wichtiger. In Blindly malt eine Frau grünes Gras. Das es grün ist, scheint zweitranging. Sie malt das Gras mit ihren Füßen, trägt im Gehen die Farbe auf und spürt so das Gras nach, wie man es beim Wandern über eine Wiese tut. Aber auch hier gibt es Kontroversen; ein Mann aus der Gruppe erklärt, dass man so kein Gras malen könnte. „Gras ist fein und wenn man es mit dicken Zehen malt, ist es kein Gras.” Die verschiedenen Erfahrungen und Eindrücke, die das Gras bei den einzelnen Personen hinterlassen hat, drücken sich in der Malweise aus.

Das Malen – wie auch das Fotografieren des blinden Jungen – ist hier nicht als Instrument zur Abbildung von Wirklichkeit zu verstehen, sondern als Medium, mit dessen Hilfe man mehr über die Wahrnehmung des jeweils anderen erfahren kann. Die Sprache bietet die Möglichkeit sich darüber auszutauschen, zeigt aber auch die Grenzen der Kommunikation auf. Ohne ein gemeinsames Referenzsystem wird es schwierig für den jeweils anderen, Erfahrungen, Gedanken und Vorstellungen nachzuvollziehen. Unsere eigenen, oft als Norm verstandenen Wahrnehmungs-muster werden durch Blindly in Frage gestellt. Żmijewskis Arbeiten brechen Gewohnheiten auf, ignorieren Tabus und erweitern unsere Weltsicht. Im Vorwort zum Katalog der 7. Berlin Biennale (2012) FORGET FEAR, deren Kurator Żmijewski war, nennt er die Kunst einen Mechanismus, aus dem heraus nicht zwingend schwerverständliche Kunst resultiert, „[…] es können auch ebenso Werkzeuge sein, die aktiv in die Welt eingreifen.“[2]

Ines Rüttinger

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[1] Renate Walthes, Einführung in die Blinden- und Sehbehindertenpädagogik, 2003, S. 12-15

[2] Vgl. Artur Żmijewski, „Vorwort“, in: FORGET FEAR. 7. Berlin Biennale für Zeitgenössische Kunst, Berlin 2012, S. 10.


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