AUSSTELLUNG & SAMMLUNG zur Übersicht »

Kunstwerk des Monats

Februar 2013

Simon Wachsmuth, "Fehlstellen", 2008-2010

Simon Wachsmuths 2008-2010 entstandener Malereizyklus „Fehlstellen“ zeigt abstrakte schwarze Farbfelder auf ungrundierten weißen Leinwänden.

Auf insgesamt zwölf groß- und mittelformatigen Bildtafeln – wovon sieben in Siegen gezeigt werden – erscheinen die schwarzen Farbfelder schemenhaft. Ihre unregelmäßig geformten Farbränder besitzen scharf gezogene Kanten, sie wirken schablonenhaft starr und spröde. Dennoch ist ihre Genese unverkennbar eine malerische, ihre materielle Beschaffenheit ist zwar zurückhaltend vorgeführt, aber offensichtlich: dickflüssige Acrylfarbe wurde mit Hilfe von Schablonen und breiten Pinseln auf die Leinwand gestrichen, anschließend ausgehärtet. Die Bewegungsrichtungen der malenden Hand sowie die Spuren der Pinselhaare sind in der Textur der leicht erhabenen Farbe ablesbar.

Die Werkgruppe verfolgt jedoch kein dezidiert malerisches Programm: die ungegenständlichen Schwarz-Weiß-Kompositionen eröffnen weder ein optisches Spiel von Kontrastfeldern oder Perspektiven, noch sind die Farbflecken in ihrer Formgebung ungewöhnlich. Offensichtlich will die Malerei mit den vorgestellten bildnerischen Mitteln keinen Realismus der Wahrnehmung ergründen. Die Schwarzfelder sind lediglich unbestimmte Flecken und Flächen. Unser kartografisch geformter Blick fühlt sich am ehesten an schwimmende, aus der Luftperspektive gesehene Inseln und Landmassen erinnert.

Der Gruppentitel „Fehlstellen“ lenkt die Deutung in eine ganz andere, geradezu umgekehrte Richtung. Damit verweisen die als Materie erscheinenden Schwarzformen auf etwas Abwesendes, auf etwas nicht in das Bild Aufgenommenes oder aus der Bildfläche Gefallenes. Interessanterweise bleibt auch die helle Bildfläche nahezu undefiniert. Sie ist nicht einmal malerisch bearbeitet und zeigt den unbehandelten Bildträger. Jedoch sind mehrheitlich in die Weißzonen der Leinwände – wenngleich sparsam – Schwarz-Weiß-Fotografien und Zeitungstexte eincollagiert. Diese als auch vor allem die gesondert jeder Leinwand zugeordneten Bildtitel wie beispielsweise „Saba“ oder „Schlacht 1 (Sieg Konstantins)“ legen narrative Fährten, sie bringen Fragmente von Erzählungen ein und führen weg von einer abstrakten, ganz der Reduktion verschriebenen Malerei.

Zunächst bezieht sich Simon Wachsmuth (geb. 1964 in Hamburg, lebt und arbeitet in Berlin) auf den frühneuzeitlichen Freskenzyklus „Die Legende vom wahren Kreuz“ aus der Hauptchorkapelle von San Francesco in Arezzo von Piero della Franscesca aus den Jahren 1454-1466. Piero della Francescas Bildgruppe zeigt zehn Bildfelder, die auf die Wandzonen der dreiseitigen Kapelle in den Putz gemalt sind. Sie erzählen nach durchdachtem Anordnungsplan, in typologischer Weise die wechselvolle Geschichte vom wahren Kreuz Christi. Piero della Francesca und sein Auftraggeber, der Aretiner Patrizier Giovanni Bacci brachten ein christliches Bildprogramm zur Anwendung, das ganz allgemein als ein Standardthema franziskanischer Kirchenausstattung gelten kann und sowohl den Triumph des Christentums über das Heidentum feiert als auch die Legitimation der Kreuzesreliquie untermauert. Als literarische Quelle diente die Legendensammlung, die sogenannte „Legenda Aurea“ des Dominikanermönchs und späteren Erzbischofs von Genua Jacobus de Voragine aus der Zeit um 1270.

Die „Fehlstellen“ greifen konkret acht Szenen aus dem toskanischen Bilderzyklus auf. Diesen acht großformatigen Tafeln hat Wachsmuth vier kleinere Formate mit Detailansichten aus den Großformaten, quasi als Ableger oder Auskoppelungen, hinzugestellt. In der Ausstellung „Lieber Aby Warburg, was tun mit Bildern?“ im Museum für Gegenwartskunst Siegen sind fünf Hauptszenen gezeigt, die sich schnell anhand der Bildtitel identifizieren lassen: „Saba“, „Auffindung“, „Traum“, „Schlacht 1 (Sieg Konstantins)“ oder „Schlacht 2 (Khosrau)“. Zu ihnen in Beziehung gesetzt sind zwei kleinere, unbetitelte Formate. Räumlich sind die Bilder so angeordnet, dass in den beiden durch eine Stellwand voneinander geschiedenen Kojen vier Bildtafeln („Auffindung“, „Schlacht 1 (Sieg Konstantins)“, „Traum“ und ein kleinere hochkantförmige Leinwand „Ohne Titel“, 2010) drei Bildtafeln („Schlacht 2 (Khosrau)“, „Saba“ und eine weitere kleinere Leinwand „Ohne Titel“, 2010) gegenüberstehen. Analog dem Kapellen-Raumplan der kunsthistorischen ‚Urbilder’ können sich durch die Hängung Bezüge zwischen den Leinwänden quer durch die Raumkojen entfalten. Unterteilt ist in eine „westlich-römische“ Bildgruppe um Kaiser Konstantin („Traum“ und „Schlacht“ und Kaiserinmutter Helena „Auffindung“) und eine „östlich-orientalische“ Bildgruppe um „Saba/Salomon“ und „Khosrau“.

Statt sich auf die illusionistischen Szenen, ihre Ikonographie oder bildnerische Komposition zu konzentrieren, übernimmt Simon Wachsmuth lediglich die Dimensionen der Bildfelder aus Arezzo, dies proportionsgetreu, wenngleich im verkleinerten Maßstab. Zudem überträgt er exakt, im Sinne eines Wissenschaftlers und Restaurators die im Fresko fehlenden und mit Mörtel ausgebesserten Stellen auf die Leinwände. Mit dieser Strategie macht er die Spuren der Zeit sichtbar, mehr noch, er kehrt die vorgefundene Bildwahrnehmung um: Treten die ausgebesserten Stellen der Fresken optisch kaum in Erscheinung, da sie die Lesart der detailreichen und illusionistischen Szenen kaum behindern und damit den Erzählfluss nicht beinträchtigen, so werden die Fehlstellen in ihrer zeitgenössischen Übertragung als monumentale Schwarzflecken zu Sinnträgern aufgewertet. Ihre Bedeutung gewinnen sie aus dem künstlerischen Verfahren. Indem Wachsmuth sozusagen als Malereizitat statt einer Kopie oder Skizze lediglich den künstlerischen Bauplan, die vermassten Umrisse der Szene samt ihrer Leerstellen präsentiert, macht er die Betrachtenden sensibel für das Konstruktionsgerüst der Bilderzählung an sich.

Die ikonografische Darstellung der „Legende vom wahren Kreuz“ ist ein treffendes Beispiel für ein religiöses Bildprogramm mit historischen, für die damalige Zeit aktuellen politischen und geografischen Bezügen. Als visualisierte Literatur mit Realitätsanspruch weist der Zyklus darüber hinaus vielfältige Brüche auf, die ihn als Entwurf, als Gebilde und damit geradezu als Modell zur Demonstration eines interessengeleiteten, historischen Konstrukts entlarven. Hier ließe sich tief in die Forschung eintauchen. Genannt sei nur folgendes: Die „Legenda Aurea“ ist beispielsweise keine einheitliche Quellensammlung, Jacobus de Voragine führt verschiedenste Quellen zusammen und ordnet sie in Reihenfolge ihres liturgischen Gebrauchs, systematisiert nach den Festen eines Kirchenjahres. Auch wird die Quellensammlung selbst wieder durch manuelle Vervielfältigung verändert, hinsichtlich ihrer Textpassagen sowie durch zusätzliche Aufnahme von Legenden oder Auslassungen. Entlarvend überdies die Änderungen, die die kunsthistorische Forschung für den ‚Ursprungs-Bildzyklus’ nachwies: Demzufolge wurde aufgrund aktueller politischer Begebenheiten die traditionelle Ikonografie verändert: Ergänzt wurde der Bildzyklus um zwei Szenen, um die „Begegnung der Königin von Saba mit Salomon“ als auch um die „Schlacht des Konstantin gegen die Barbaren“ Istanbul wurde zur Entstehungszeit der Fresken, 1453, von den Türken erobert, womit in Humanistenkreisen um den Auftraggeber Bacci die Idee entstand, einen neuen Kreuzzug im Sinne Konstantins im Zeichen des Kreuzes zu führen, mit dem Ziel, die Stadt am Bosporus zu befreien und einen Wiedervereinigungsprozess zwischen West- und Ostkirche einzuleiten, was seit der Eroberung als ausgeschlossen galt. Die beiden Szenen untermauerten den westlichen Anspruch und erweitern die Bildgeschichte, die stets aufgrund ihrer verschiedenen Schauplätze unterschiedliche Perspektiven und Beziehungen zwischen Orient und Okzident spiegelte.

Bei der reinen Aufrufung, Übertragung und Neuinszenierung eines kunsthistorischen Vorbildes hat es Simon Wachsmuth jedoch nicht belassen. In „Fehlstellen“ sind über die Materialcollagen weitere Thematiken und narrative Stränge virtuos zusammengebündelt, wovon sich einige inhaltlich mit der Kreuzeslegende verklammern, andere, neue, weitergreifende Gedanken zu den Themenfeldern Istanbul und Türkei in das Netz der Bezüge eintreten.
In die Weißzonen der Bildtafeln hat Wachsmuth mit feinen Nadeln ausgewählte Fotografien und Zeitungsausschnitte aufgesteckt. Bei den Fotografien handelt es sich um Fundstücke, um historische Schwarz-Weiß-Abzüge eines anonymen, offensichtlich kunsthistorisch interessierten Fotografen. Abgelichtet sind Aufnahmen von Sehenswürdigkeiten in Istanbul, beispielweise von Kirchen, darunter die Hagia Sophia oder den Topkapi-Serail, neben Antikenfragmenten und archäologischen Resten aus frühchristlicher Zeit. Die gegenwartsbezogenen Zeitungsausschnitte berichten in deutscher Sprache über die Innen- und Außenpolitik der Türkei, beispielsweise über Hindernisse beim Prozess des angestrebten EU-Beitritts der Türkei und über militante Konflikte zwischen Regierung und PKK. Analog zum toskanischen Bilderzyklus, der eine westlich geprägte Sichtweise der Legende vorstellt, bedient sich Wachsmuth bei der Auswahl der Fotografien und Medienberichte eines Materials, das die westliche Perspektive auf das heutige Istanbul und den türkischen Staat einnimmt. Stand zur Entstehungsgeschichte des Freskos die Rückeroberung Istanbuls und die Idee einer einheitlichen West- und Ost-Kirche im Raum, so geht es heute um die Vision eines europäischen Zusammenschlusses bei Wahrung staatlicher Hoheitsrechte.

Diese assoziative Strategie, mit der Simon Wachsmuths Arbeit „Fehlstellen“ operiert, erinnert an das assoziative Verfahren, das Aby Warburg bei der Zusammenstellung seiner Bildtafeln für den Mnemosyne-Atlas anwandte. Wachsmuth agiert als künstlerischer Archäologe, der Fragmente von verschiedenen Orten, Räumen und Zeiten zusammenträgt, diese ausbreitet, teils lose zusammenbaut, teils unverbunden nebeneinanderstellt, so dass sie in ein frei flottierendes, sich selbst reflektierendes Assoziationsgeflecht eintreten. Dabei ist die künstlerische Vorauswahl des Materials entscheidend, die keineswegs beliebig, sondern konzeptuell aus bestimmter Perspektive erfolgte. Es gelingt Wachsmuth, was Warburg mit seiner Methode anstrebte, nämlich das berühmte energetische und geistige Potential, das sich zwischen den assoziativ verknüpften Bildern entfalten kann, zu entfachen; und dies ohne eine postmoderne Brüchigkeit zu verleugnen, denn offensichtlich – und das ist entscheidend – hat jede Wahrnehmung ihre blinden Flecken.

Stefanie Scheit-Koppitz, Siegen, 1. 2. 2013

Öffnungszeiten

Täglich
Donnerstag
Montag
Feiertage
Neujahr

 

11–18 Uhr
11–20 Uhr
geschlossen
11–18 Uhr
14 – 18 Uhr


Preise

Erwachsene
Ermäßigt

5.90 €
4.60 €

Alle Preise ››

Kontakt

Museum für Gegenwartskunst Siegen
Unteres Schloss 1
57072 Siegen
t 0271 405 77-10
t 0271 405 77-0
f 0271 405 77 32
info@mgk-siegen.de