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KUNSTWERK DES MONATS

Februar 2012

Lucian Freud, Woman Holding her Thumb, 1992

Lucian Freud, Mit der Kunst seiner Körperporträts reproduziert Freud, ganz im Sinne Paul Klees, nicht das unmittelbar Sichtbare, das wir aus naturalistisch-mimetischer Abbildung in der Malerei kennen, sondern macht überhaupt erst sichtbar. Indem er das Individuum mit seinen Stimmungen und die verrinnende Zeit erfasst, ist das Ergebnis schließlich prägnanter als jede Fotografie.

Das Bild Woman Holding her Thumb zeigt eine liegende nackte Frau auf einer in verschiedenen Grautönen changierenden, Falten werfenden Unterlage. Mit dem Kopf am unteren Bildrand und leichter Körperdrehung nach links ruht sie in gelöster Haltung auf dem Rücken. Ihr linker Arm liegt angewinkelt mit nach oben geöffneter Handfläche neben dem ebenfalls nur wenig nach links gewandten Kopf. Augen und Stirn sind unter dem entspannten unteren Teil des nach oben gedrehten rechten Armes verborgen, so dass vom Gesicht nur die Nase und ein schmallippiger Mund zu sehen sind. Unter dem Arm quillt ihr reiches dunkles Haupthaar hervor. Die schweren, leicht gebeugten Beine mit den gekreuzten Füßen sind fast im rechten Winkel vom Rumpf weggebogen. Ihr Gewicht löst die rechte Hüfte von der Folie, wobei dunkle Konturlinien zwischen Schenkeln und Leisten den Blick auf die verschattete Scham lenken.

Die Leinwand ist vom Farbklang des weiblichen Fleisches und den Grautönen des Untergrundes bestimmt. Weiche, fließende Formen beherrschen die in nahezu quadratischem Format angelegte Komposition, deren Mittelpunkt der spitz gewinkelte Ellenbogen des linken Armes bildet. Im zerknautschten Laken finden die Linien des Körpers ihre Entsprechung, wobei nahezu vertikale Faltenzüge den wenig strukturierten Untergrund perspektivisch aufladen. Auf diese Weise wird eine Abwärtsbewegung angedeutet, als gäbe es im Hinter¬grund eine Rückenlehne, von der der Stoff herunterhinge. Diese Abwärtsbewegung wird durch die Pose der Frau noch verstärkt: Ihr üppiger Körper scheint aus dem Bild heraus und damit dem Betrachter direkt entgegenzugleiten. Der schaut von seinem leicht erhöhten Standpunkt auf die Entkleidete und seinen Blicken schutzlos Ausgelieferte herab.
Und häufig reagiert er mit Ablehnung, findet die Wiedergabe obszön oder sogar hässlich, wohl weil er sich mit dem dort Dargestellten nicht identifizieren kann. Freud hat eine ganze Serie derart provozierender ,Körperporträtsʻ gemalt: Männer und Frauen jeglicher Gestalt, schöne und wenig attraktive, oft sogar plumpe und ungelenke, stets jedoch völlig nackte. So fällt es schwer, sie einer gesellschaftlichen Gruppe zuzuordnen. Die Modelle standen dem Künstler entweder nah oder gehörten zum Familien- oder Freundeskreis. Weder zurecht¬gemacht noch in irgendeiner Weise geschönt, sondern vollkommen authentisch, manchmal sogar vulgär, haben ihm diese Menschen, niemals Profis, gesessen. Am liebsten war es ihm, wenn sie sich entspannt wie Tiere gaben, also ohne jede Scham waren.

Es mag die als Schamlosigkeit interpretierte Blöße sein, die auf Manchen abstoßend wirkt. Eine Erklärung für das Urteil könnte in den ästhetischen Grundsätzen zu finden sein, mit denen der Betrachter operiert, wenn er sich mit der eher sperrigen, nicht dekorativen Kunst Freuds, der stets jede „belle peinture“  abgelehnt hat, auseinanderzusetzen versucht.
Der dem Phänomen der Missbilligung zu Grunde liegende Begriff der Hässlichkeit im Gegensatz zur Schönheit wird von Friedrich Nietzsche in seiner philosophischen Schrift Götzen-Dämmerung erhellend behandelt. Ein kurzer Auszug daraus verdeutlicht das Dilemma des Betrachters, der sich gerade in der Beauté eines Kunstwerks wiedererkennen möchte. „Im Schönen setzt sich der Mensch als Maß der Vollkommenheit; in ausgesuchten Fällen betet er sich darin an. … Im Grunde spiegelt sich der Mensch in den Dingen, er hält alles für schön, was ihm sein Bild zurückwirft.“  In der Folge denkt Nietzsche nach über das Hässliche im ,entartendenʻ Menschen, um dann zu postulieren, dass „alles Häßliche den Menschen [schwächt und betrübt]. Es erinnert ihn an Verfall, Gefahr, Ohnmacht …. Jedes Anzeichen von … Schwere, von Alter, von Müdigkeit … ruft die gleiche Reaktion hervor, das Werturteil ,häßlichʻ. Ein Haß springt da hervor: wen haßt da der Mensch? … kein Zweifel: den Niedergang seines Typus.“  Genau diesem zugleich ge¬hassten und gefürchteten Niedergang, nicht nur in körperlicher, sondern auch ethischer Hinsicht – ethisch insofern, als die Moral an dieser Stelle schrankenlos und frei auftritt – , muss sich der Betrachter bei den von Freud Porträtierten stellen.

Auch wenn Woman Holding her Thumb nach unserem derzeitigen, von Werbung und Medien auf glatte Oberflächen geeichten Geschmack weder als anziehend noch schön bezeichnet werden kann, so wird ihr Bildnis in seiner Virtuosität doch allen Ansprüchen an ein Meisterwerk gerecht. Das liegt nicht nur an der stimmigen Komposition und Linienführung, sondern vor allem an der Raffinesse des Farbkleides. Der Künstler, einer der bedeutendsten Porträtmaler unserer Zeit, legt es ihr als Haut über Fett-, Muskel- und Bindegewebe und spürt mit jedem Pinselstrich den Strukturen des Körpers, den ihm zugefügten Traumen, seinem Alterungsprozess nach. Der expressive Pinselduktus, die Schichtung der Farbe sowie die Körnigkeit des Materials führen nicht nur zu einem plastischen und oft spröden Ergebnis, sondern erzählen auch von der Verletzlichkeit des Körpers, die sich am geröteten Ellenbogen etwa oder an den von bläulichen Gefäßen durchzogenen Brüsten ablesen lassen.

(Sammlung Lambrecht-Schadeberg)

Dr. Sabine Heinke


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