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KUNSTWERK DES MONATS

Februar 2011

Fritz Winter, Triebkräfte der Erde, 1944

„Nichts kann einen tiefer erschüttern als wenn einem so ganz ohne Habe, so ganz ohne ziviler Mensch zu sein, eine Blüte, ein Blatt begegnet und einem das große dieser Schöpfung zuteil wird.“

(Erich Herzog, in: Fritz Winter. Triebkräfte der Erde)

Diese Worte des Malers Fritz Winter (1905-1976) beschreiben eindrucksvoll das Erleben der Natur in den Zeiten des Krieges. Aus den prägenden Erfahrungen dieser Zeit entstand 1944 sein wichtigstes Werk, die Serie „Triebkräfte der Erde“. 44 Blätter im DIN A4-Format und in einer ganz eigenen Technik ausgeführt, zeigen, wie die Natur im Wachsen, Werden und Schaffen in abstrakte Bilder umgesetzt werden kann. Die Siegener Sammlung Lambrecht-Schadeberg besitzt drei herausragende Arbeiten der Serie. Die Gruppe ist zurzeit im Museum für Gegenwartkunst ausgestellt.

Fritz Winter war auf Umwegen zur Malerei gekommen. Als Kind einer Bergarbeiterfamilie in Ahlen/Westfalen aufgewachsen, erlernte er den Beruf des Elektrikers und holte später das Abitur nach, während er nachts im Bergbau arbeitete. 1927 beschloss Winter, Künstler zu werden und bewarb sich erfolgreich am Bauhaus Dessau. Er besuchte die Malklasse Paul Klees, dessen Naturauffassung und -darstellung ihm wichtige Impulse gab. Nach dem Studium am Bauhaus nahm er eine Dozentenstelle in Halle an. Einige Auslandsreisen und ausgedehnte Besuche bei Malerkollegen wie Ernst Ludwig Kirchner, Naum Gabo und Paul Klee bereicherten die nächsten Jahre. 1937 traf ihn ein harter Schicksalsschlag, er erhielt Mal- und Ausstellungsverbot im Rahmen der nationalsozialistischen Aktion gegen die sog. ‚Entartete Kunst’. Fritz Winter wurde bereits zu Beginn des Krieges 1939 eingezogen. Er war Soldat an vorderster Front bis 1945, als er in russische Kriegsgefangenschaft geriet und erst 1949 nach Deutschland zurückkehren durfte. Im Herbst 1943 wurde Fritz Winter schwer verwundet und erhielt im Januar 1944 einen sechswöchigen Genesungsurlaub. In dieser Zeit, seiner einzigen ‚Auszeit’ vom unmenschlichen Kriegseinsatz schuf er die 44 Blätter der „Triebkräfte der Erde“. Trotz körperlicher Einschränkungen arbeitete er unermüdlich an diesem Werk, den erneuten Kriegseinsatz schon vor Augen.

Alle Blätter der Serie entstanden auf ölgetränktem Schreibmaschinenpapier. Der Künstler verwendete verschiedene Farben wie Gouache, Öl, Aquarell und trug diese mittels Pinsel oder Spritztechnik auf den bräunlichen Grund auf. Die scharf konturierten Formen der oberen, transparenten Schichten entstanden durch das Auflegen von Schablonen. Eine flächige, abstrakte Raumschichtung entstand. Jedes Blatt zeigt dabei eine andere Ausgestaltung.

Das Wachsen der Natur, nichts anderes als das Streben zum Licht, wird in immer neuen Varianten durchgespielt. Die Vielfalt der Formen und ihre Assoziationen scheinen unendlich. Denn trotz der abstrakten Gestaltung ist der Zyklus ganz nah an den Erscheinungen der Natur. Es ist ihr Mikrokosmos, der in diesem Werk ausgebreitet und im wörtlichen Sinne ans Licht gebracht wird. Denn das Licht spielt hier eine besondere Rolle. Seine Quelle ist nicht auszumachen. Transparente Lichtsäulen weisen von unten nach oben und umgekehrt. Objekte scheinen von unerklärlichen Lichtquellen beschienen oder leuchten aus sich selbst heraus. Der Begriff der Schönheit der Schöpfung wird neu interpretiert und symbolisch gedeutet. Die organischen Formen, ebenso wie die kristallinen Gebilde im Zentrum der Bilder stehen für das schnelle Wachsen, aber auch für die unendlich langsamen Veränderungen innerhalb von Naturerscheinungen. Der Gedanke der Erneuerung und Läuterung nach dem hoffentlich bald beendeten Krieg ist für die Entstehung der Serie gleichfalls von großer Bedeutung. Es ist die Hoffnung auf einen Wiederbeginn, auf die Möglichkeit, sich wieder in Freiheit künstlerisch ausdrücken zu können. Das Leuchten in den Bildern erscheint so wie der sprichwörtliche Hoffnungsschimmer.

Die Serie „Triebkräfte der Erde“ spielte für die Nachkriegsmalerei in Deutschland eine entscheidende Rolle, denn sie repräsentierte das Überleben einer verfemten Malerei. Sie ist ein beeindruckendes Beispiel für eine Kunst, die das Potenzial der Abstraktion veranschaulicht, Prozesse in der Überschneidung von Imagination und Naturbeobachtung zur Darstellung zu bringen.

(Sammlung Lambrecht-Schadeberg)

Kirsten Schwarz


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