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Kunstwerk des Monats

Dezember 2014

Vajiko Chachkhiani, “Hunters”, 2014,

Dieses Kunstwerk ist zurzeit in der Ausstellung „Vajiko Chachkhiani. Both“ im Museum für Gegenwartkunst Siegen ausgestellt. Vajiko Chachkhiani (geb. 1985 in Tbilisi/Tiflis, Georgien, lebt und arbeitet in Berlin) hat am 26. Oktober 2014 den 7. Förderpreis zum Rubenspreis der Stadt Siegen erhalten.

Auf einer schlichten, verschlossenen Holzkiste liegt ein Baumstamm. Es ist ein dünner Stamm von knapp eineinhalb Meter Länge, ein Todholz, verbrannt, ohne Laub und mit spitzen und hartkantig abgebrochenen Aststummeln. Ungewöhnlich ist ein Teilstück, es ist silberfarben. Bei genauem Hinsehen wird deutlich, dass es aus einem anderen Material, einem Metall, besteht, das exakt in das Holz eingesetzt wurde. 

Tatsächlich hat der Künstler Vajiko Chachkhiani einen Teil des Baumes ausgesägt, in Blei gegossen und das Gussstück anschließend anstelle des ursprünglichen Holzes wieder eingepasst. Das Fundstück wurde ästhetisch verwandelt: der verbrannte, versehrte Stamm erhielt eine glänzende bleierne Prothese.

Beide, in Kontrast zueinander stehende Materialien, Holz und Blei, sind nicht zufällig ausgewählt, sie besitzen eine Geschichte, auf die der Künstler ausdrücklich verweist. Zunächst stammt der Ast aus einem Waldstück, das 2008 im Krieg zwischen Georgien – dem Heimatland des Künstlers – und Russland in Brand gesetzt wurde. Es trägt sichtbar die Spuren dieser kriegerischen Auseinandersetzung. Das Blei des Mittelteiles stammt hingegen aus geschmolzenen Gewehrkugeln, die der Künstler im Tauschgeschäft mit Jägern erhielt. Blei in Gestalt von Gewehrkugeln ist somit gleichfalls mit zerstörerischen und mit todbringenden Praktiken assoziiert. 

Zerstörung und Verwandlung sind außerdem integrative Bestandteile des künstlerischen Prozesses. Handelt es sich hier doch um einen Akt der Abspaltung, Auslöschung und Neuformung, den Chachkhiani vollzieht. Wobei zum einen der Eingriff in die Substanz keineswegs geschieht, um das Erleben von Zeit und Wachstum sichtbar zu machen – eine Praxis die beispielsweise der Künstler Guiseppe Penone, an dessen Werk man vergleichend beim Anblick des Astes denkt, verfolgt. Zum anderen werden die Abformung und der Transfer in ein dauerhafteres Material nicht vordergründig vorgenommen, um das Objekt zu veredeln oder gar zu verewigen – dies eine gängige bildhauerische Praxis, insbesondere des Kunstgewerbes. Denn die Wertigkeit von Blei ist in unserem Kulturkreis nicht vergleichbar mit der Wertigkeit eines Edelmetalls. Wegen seines hohen Gewichts symbolisiert das Blei Schwere im physischen und psychischen Sinne, z.B. als bleierne Last. So hat sich zur unheilvollen, „schweren“ Geschichte des Stammes als „bleierne Last“ ein weiteres Kapitel von Tod und Zerstörung hinzugesellt. Andererseits, und das ist ein neuer, optimistischer Gedanke, der den Assoziationsraum der Skulptur öffnet, gilt das Blei seit der Antike als zauberkräftiges Metall, als Wandlungssubstanz, aus dem nach dem verbreiteten Glaube der Alchemie Gold gewonnen werden kann. 

Mehr noch. Zu den Materialgeschichten, der traditionellen Materialsymbolik und Metaphorik tritt über die zweite künstlerische Handlung ein weiteres Themenfeld hinzu: der Tauschhandel, auf den sich der Titel der Arbeit „Hunters /Jäger“ sowie der Titel des gesamten Ausstellungsraumes „Trade / Handel“ beziehen. Alle Ausstellungsstücke im Raum reflektieren archaische Wirtschaftsformen und Wertesysteme. Sie verknüpfen diese mit heutigen Praktiken. So verweist „Hunters“ als Kunstobjekt mitsamt seinem Sockel, der nichts anderes darstellt als die dazugehörige Transportkiste, gleichsam auf das System der Ausstellungspraxis und den Kunsthandel, beides Systeme des Austausches, sei es, dass Artefakte von Ausstellung zu Ausstellung bzw. zurück zum Künstler ins Atelier wandern oder dass sie als käufliche Objekte den Besitzer wechseln.

Vajiko Chachkhianis Arbeiten repräsentieren nicht zuletzt von Menschen geschaffene Systeme und Strukturen. Seine Skulpturen, Filme, Performances wollen keine Kritik üben. Chachkhiani stellt menschliche Konflikte vor Augen und versucht „die Struktur innerer Konflikte zu begreifen.“ Dazu führt er in einem aktuellen Interview, abgedruckt im Künstlerbuch zur Ausstellung „Both“ an: „Ich tendiere dazu, über menschliche Aktivitäten zu kommunizieren und aus nichts oder aus unvermutenden Quellen Poesie zu schaffen. Denn wenn Krieg, Folter und Tod auch den Wert des Lebens angreifen, so unterstreichen sie ihn doch auch in gewisser Weise – ich glaube, dass dies die Parameter sind, in denen sich Poesie befindet.“                                                                                

Stefanie Scheit-Koppitz

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