AUSSTELLUNG & SAMMLUNG zur Übersicht »

Kunstwerk des Monats

Dezember 2013

Andrea Zittel, Free Running Rhythms and Patterns: Version II, 2000

„Wie wäre es, ohne festgelegte Zeitstruktur zu leben?” fragte sich die US-amerikanische Künstlerin Andrea Zittel. Sie vermutete: „Man könnte schlafen, wenn man sich müde fühlt, und essen, wann immer man hungrig ist.“ „Wie“, so folgerte Zittel weiter, „würde der Körper auf solch vollkommene Freiheit reagieren? Würde er sich selbst einer sinn­vollen Struktur unterwerfen? Oder würde er extreme Verhaltensweisen entwickeln, wie etwa einen ganzen Tag zu schlafen oder ein Buch von Anfang bis Ende durchzulesen? Würden die Strukturen verschiedener Personen sich ähneln oder hätte jeder einen eige­nen, von den allgemeinen sozialen Gewohnheiten vollkommen abweichenden inneren Zeitplan?“

Die Überlegungen von Andrea Zittel (geb. 1965, lebt und ar­beitet in Josuah Tree/Kali­fornien) zu einem Leben ohne von außen gesetzte Zeitstruktur bilden den Ausgangspunkt für ein Experiment, dem sich die Künstlerin vom 31. Oktober bis zum 7. November 1999 in Berlin unterzog. Als Stipendiatin des Berliner Künstlerpro­gramms DAAD verlebte Zittel eine Woche in Abgeschiedenheit mit dem Ziel ihre eigene biologische Zeitstruktur zu ergründen. Sie bewohnte ein Kelleratelier, das sie mit selbst gewähltem, privatem In­ventar und Vorräten ausstattete. Entfernt wurden alle Hinweise auf die objektiv messbare Zeit: Zittel hatte weder Zugang zu Uhren, noch, wie sie selbst formulierte „zu zeitbezo­genen Medien wie Fernsehen, Radio oder der Zeitanzeige auf dem Computer“. Auch wurden natürliche Lichtquellen oder Geräusche von außen, die Rückschlüsse auf Tages- oder Nachtzeiten erlaubt hätten, ausgeschossen. Zur Versuchs­anordnung gehörte ein Videoüberwachungssystem mit integriertem Zeitrechner. In Form eines Zeitraffervideos ließ Zittels ihr abgeschiedenes Leben, die „auftretenden Rhythmen und Muster“ in ihren Tagesabläufen, aufzeichnen.

Die Arbeit „Free Running Rhythms and Patterns (Frei Fließende Rhythmen und Mus­ter)“, die im Jahr 2000 in zwei Versionen entstand, geht unmittelbar aus dem Berliner-Atelierexperiment hervor. Sie stellt das künstlerische Protokoll der 1999 experimentell gewonnenen Daten und Einsichten dar. Zur Visualisie­rung der Ergebnisse wählte Zittel eine Darstellung von ästhetisch designten Strukturbil­dern mit Bild-, Text- und Diagrammfeldern, aufgebracht auf edel wirkende Walnuss-Ta­feln. Insgesamt weist die zweite Version der Arbeit 28 großformatige, längsrechteckige Bildtafeln auf, die installativ den gesamten Ausstellungsraum bespielen. Als großer wichtiger Werkblock stehen die beiden Ausführungen von „Free Running Rhythms and Patterns“ in einer Reihe von Arbeiten, die Zittel „A-Z Time Trials“ (A-Z Zeitexperimente) nennt und die sie seit 1994 entwickelt.

Die erste Tafel ist als reine Texttafel konzipiert, sie ist von den anderen versetzt gehängt. Als ein persönlicher Kommentar ist der Text abgefasst. Zu lesen ist die einleitende Frage­stellung der Künstlerin, eine Beschreibung der experimentellen Situation als auch ein vorangestelltes, emotionales Fazit: „Ich habe gelernt, dass die Wahrnehmung der Zeit nichts mit ihrem wissenschaftlichen Verständnis zu tun hat. Ohne Zeit zu leben war so­wohl anregend und aufregend, als auch ein bisschen anstrengend.“

Auf 24 Tafeln sind die ausgewählte Tätigkeiten und Schlafphasen der Künstlerin im Verlaufe der Woche wiedergeben. Vorgestellt werden bestimmte Verrichtungen zu je­weils einer bestimmten Stunde des Tages. Zur Visualisierung nutzt Zittel eine Darstellung als farbige Balkendiagramme. Um die Farbcodes der oberen Bänder zu entschlüsseln sind wir gefordert in der Installation herumzuwandern. Denn die Legenden der verwendeten Farbcodes, die Zuordnung der Farben zu bestimmten Tätigkeiten und Aktivitäten, befin­den sich auf eigenen Bildtafeln, die in unregelmäßigem Rhythmus zwischen die Stun­dentafeln gehängt sind. Diese, insgesamt drei Illustrationstafeln zeigen zudem Selbstport­räts der Künstlerin während des Experimentes oder ausschnitthaft den Atelierraum. Fünf Hauptkategorien greift Zittel in den Legenden heraus: Die „Kommunikation“ (Communi­cation), den „Unterhalt“ (Maintenance) bzw. „Selbstunterhalt“ (Self-Improvement), die künstlerische Produktion (Production) und das Konsumieren (Consumtion).

Welche Rückschlüsse auf die Verknüpfung von Zeit und Freiheit kann nun der Betrachter aus dem ausführlich dargestellten Versuchsverlauf ziehen? Zunächst einmal wird unsere voyeuristische Neugier enttäuscht. Eine erste schnelle Ori­entierung anhand der eingestreuten Filmstills der Überwachungskamera verrät, dass die Künstlerin während des Experimentes keine extremen Verhaltensweisen entwickelte: Zittel behält, wie es scheint, stets die Kontrolle über ihren Alltag, sie vernachlässigt we­der den Haushalt, noch verfällt sie in Müßiggang oder Exzesse. Stattdessen wird viel ge­arbeitet, was die genauere Analyse der Arbeitsrhythmen und Schlafphasen verrät. Ob Häkeln (Zittel stellt in Handarbeit multifunktionale textile Objekte und Gebrauchsge­genstände als auch Kleidungsstücke her), oder Zeichnen, Aquarellieren, Denken, Notizen machen, am Computer arbeiten – die Produktion nimmt anteilig den größten Raum ein. Bei den Schlafphasen lassen sich leichte Verschiebungen und Unregelmäßigkeiten able­sen.

Zu erwähnen bleibt, dass das Experiment nicht in Isolation stattfand. Die Künstlerin emp­fing viermal Besuch, beispielsweise am Dienstag, um 11 und um 23 Uhr oder am Sams­tag, von ca. 22 bis 23 Uhr. Auch verfolgt der Selbstversuch keinen gesellschaftlichen Nutzen, das Forschen dient einem Selbstzweck. Zittel strebt keine wis­senschaftliche Gültigkeit an. Ihr geht es um das subjektive Moment, das persönliche Er­lebnis, die eige­nen Gefühle und Befindlichkeiten. Dieser Faktor ist es auch, was ihr Expe­riment von den Zeitstudien diverser Wissenschaftszweige unterscheidet.

Und welche Antworten liefern uns, so mag man sich abschließend fragen, denn jetzt die “A-Z Zeitexperimente“. Ist es Andrea Zittel nun eigentlich gelungen, mehr Freiheit zu erlangen und sich vom „Sonnenrhythmus“, vom 24-Stunden-Takt eines „Tages-„ und „Nachrhythmus’“ zu befreien? In einem Zeitungsinterview (Der Standard, 2.8.2013) gab sie zur Antwort: „Ja und nein. […] In der Dunkelheit konnte ich in gewisser Weise Aus­zeit von der Zeit nehmen. Doch das Problem war, dass man ohne Struktur Gefahr läuft, sich zu verzetteln und zu verlieren. Ich habe in dieser Woche nichts als gearbeitet.“

Andrea Zittels verschränkt in ihrem gesamten Schaffen Kunst, Architektur und Design. Sie schafft „designs for living“ und möchte mit ihren Entwürfen, Modellen, Experimen­ten und Arbeiten ähnlich wie die Sozial-Utopisten der Klassischen Avantgarde – die Vertreter des frühen Bauhauses, von De Stijl und der russischen Avantgarde – gesell­schaftlichen Einfluss nehmen. Ihr künstlerisches Logo „A-Z“, das sie von ihrem Namen ableitete und das sie ihren Reihen, letztlich ihrem Gesamt­werk voranstellt, vermittelt diesen ganzheitlichen Anspruch.                                             

Stefanie Scheit-Koppitz


Öffnungszeiten

Täglich
Donnerstag
Montag
Feiertage
Neujahr

 

11–18 Uhr
11–20 Uhr
geschlossen
11–18 Uhr
14 – 18 Uhr


Preise

Erwachsene
Ermäßigt

5.90 €
4.60 €

Alle Preise ››

Kontakt

Museum für Gegenwartskunst Siegen
Unteres Schloss 1
57072 Siegen
t 0271 405 77-10
t 0271 405 77-0
f 0271 405 77 32
info@mgk-siegen.de