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Kunstwerk des Monats

Dezember 2012

Lia Perjovschi, "Subjective Art History", 1990-2004 und "Timeline on General Culture", 1997-2006

Lia Perjovschi (*1961, lebt und arbeitet in Bukarest) ist eine rumänische Künstlerin, die sich selbst als „Kunst-Forscherin“ bezeichnet. Ihre vielgestaltigen Kunstprojekte bewegen sich im Grenzgebiet zwischen künstlerischer Arbeit und historischer Forschung.

Als die Revolution in Rumänien 1989 das sozialistische Regime des Diktators Ceausescu stürzte, erkannte Lia Perjovschi, die aktiv in der Revolutionsbewegung mitgearbeitet hatte, dass dem Land „50 Jahre gestohlen worden waren“. Ihre bisherige künstlerische Arbeit befasste sich mit Performance und Body Art und richtete sich gegen das Regime. Der Zusammenbruch dieses kommunistischen Regimes bedeutete einen entscheidenden Wendepunkt in ihrem Leben, alles wurde nun in Frage gestellt, ihre bisherige Kunst ebenso, wie ihre bisherige Art der Kommunikation. Sie fühlte sich wie aus einem Koma erwacht – ihr „fehlten die Worte und die Fakten“. Die Beschäftigung mit dem Entgangenen führte zu einer fast manischen Aneignung von Wissen aus allen Fachgebieten. Durch die neu erlangte Möglichkeit des Reisens und die damit einhergehende Informationsvielfalt, entstand ein eigenes Informations-Verarbeitungs-System, welches auf den Prinzipien des Mind-Mapping fußt – einer kognitiven Technik, die beide Hirnhälften aktiviert, Gedächtnis und Konzentrationsvermögen schärft und insbesondere verborgene Ideen zu Tage befördert. Es entstand die Idee eines Wissens-Archivs, gespeist aus der Fülle der nun zugänglichen Informationen, gefiltert durch die Auswahl der Künstlerin.
Die Kunstkritikerin Natascha Petresin-Bachelez ordnet dieser Art der „Kunst-Forschung“ durch Künstler, welche sich vermehrt in den ehemaligen Ost-Block-Ländern entwickelte, den Begriff „Self-Archiving“ zu. Politisch aktive Künstler nehmen sich seit dem Fall des Eisernen Vorhangs der Themen und Fakten an, zu denen sie jahrzehntelang keinen Zugriff hatten. Ihre Werke unterscheiden sich aber grundlegend von der Gestaltung und Präsentation wissenschaftlicher Archivierung und Forschung und unterliegen der subjektiven Selektion durch die Künstler. Dabei änderte sich auch zwangsläufig der Begriff des Archivs und beinhaltet nun auch die offene Präsentation seitens der Künstler. Die Ausstellung „Interrupted Histories“ in Ljubljana 2006, an der auch Lia Perjovschi teilnahm, beschäftigte sich eingehend mit „artistic-archiving strategies“. Die Kuratorin versuchte diese Tendenzen zu definieren: „Because the local institutions that should have been systematizing neo-avantgarde-art and its tradition either did not exist or were disdainful of such art, the artists themselves were forced to be their own art historians and archivists (…).”
Lia Perjovschi sieht sich in diesen Prozess eingebunden. 1990 begann sie mit der Arbeit an ihrer „Subjective Art History“, die zeitgleich mit dem Aufbau ihres „CAA – Contemporary Art Archive“ entstand. Die Herangehensweise an die Kunstgeschichte entsprach dabei nicht einem herkömmlichen Überblick aus der Disziplin Kunstgeschichte. Ihr Ausgangspunkt ist die erste Fotografie von Joseph Niépce, dann folgen eine Auflistung von Gemälden, Fotografien, dokumentierten Performances und Film-Stills aus den Jahren 1826 bis 2004, ergänzt durch Zitate zur Kunsttheorie. Mit Beginn des Modernismus entstand die Avantgarde-Kunst als Reaktion auf die Fotografie und die gewaltigen Veränderungen der Zeitläufte. Lia Perjovschi entwickelte daraus eine nachvollziehbare Zeitleiste mit Abbildungen von Kunstwerken, Aktionen und politischen Ereignissen. Diese ist zwar subjektiv geprägt und als solche auch gekennzeichnet, kann aber dem Betrachter neue Bezüge, abseits der Lehrbücher zugänglich machen. Die zweidimensionalen Arbeiten wie „Timelines“ und „Mind Maps“ ergänzt Lia Perjovschi häufig mit Objekten, die sie auf Tischen oder im Raum arrangiert. Dabei handelt es sich um Dinge, die sie als Ergänzungen und didaktische Hilfsmittel einsetzt, wie ihre Sammlung zu objekthaften Darstellungen der Welt und Ankäufe aus Museumsshops.
In der Ausstellung „Lieber Aby Warburg, was tun mit Bildern?“ im Siegener Museum für Gegenwartskunst wird neben der „Subjective Art History“ auch die „Timeline on General Culture“ gezeigt. Wie alle zweidimensionalen Installationen Perjovschis bestehen diese aus schriftlichen Notizen und schwarz-weißen Bildbeispielen auf einer transparenten Vinylfolie, die direkt aufgebracht wird auf die Ausstellungswände. In Siegen passt die gesamte Geschichte der Menschheit nach Lia Perjovschi auf eine knapp acht Meter lange Zeitleiste. Diese Zusammenstellung von selektiven Fakten nennt größtenteils Entdeckungen und Erfindungen, die die Menschheit voranbrachten. Kriege sieht die Künstlerin als Rückschritte und lässt sie bis auf die beiden Weltkriege außen vor. Die schriftlichen Anmerkungen dienen ihr als Ordnungshilfen- und Strategien, um die Fülle an Informationen und Assoziationen in die – für sie – richtige Perspektive zu rücken. Für entscheidender, auch für die Betrachter hält Perjovschi die abgedruckten Bildbeispiele, diese sollen die Inhalte und Bezüge zwischen diesen erschließen. Den Ausstellungsbesuchern gibt Perjovschi eine Orientierungshilfe mittels farbiger Klebezettelchen, dabei nutzt sie ein Farbcodierungssystem: Grüne Zettelchen markieren neue Ideen, beispielsweise in der Kunstgeschichte die beiden bahnbrechenden Werke von Malewitsch (das „Schwarze Quadrat“) oder Marcel Duchamps (der „Fountain“). Gelbe Marker heben intelligente Neuerungen hervor, wie die Gründung der Philosophenschule 387 v. Chr. von Platon. Blau steht für alle historischen Besonderheiten rund um die Erde, da – so Perjovschi – Neil Armstrong, der erste Mensch der 1969 den Mond betrat und die Erde aus der Perspektive des Weltalls als blauen Planeten erkannte. Rot-orangene Zettel gibt es nur vier, nämlich für die wenigen von Perjovschi gekennzeichneten Kriege bzw. Kunst, die sich thematisch damit beschäftigt.
Dreißig Jahre nach Beginn der Arbeit an ihrem Archiv muss Lia Perjovschi sich nun mit einem Problem auseinandersetzen, welches ihr 1989 völlig absurd erschienen wäre, nämlich der medialen Bilderflut. „Dem Fehlen von Information folgte die überwältigende Fülle an Information“, wie sie sagt. Heute steht nicht mehr die Beschaffung der Informationen, die damals noch ausschließlich über gedruckte Quellen erfolgte, sondern ihre Selektion im Vordergrund ihrer Arbeit. Ihre „Tools“, wie Lia Perjovschi sie nennt, helfen ihr dabei die Welt zu durchschauen und das globale Wissen zu ordnen, sie selbst nennt diesen Vorgang „to re-think, re-cycle, re-make and re-use“.

Kirsten Schwarz

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