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KUNSTWERK DES MONATS

Dezember 2011

Antoni Tàpies, Ocker und Schwarz mit aufgeklebtem Tuch, 1972

Das helle Tuch in der Mitte des Bildes "Ocre i negre amb tela encolada" (Ocker und Schwarz mit aufgeklebtem Tuch) aus dem Jahr 1972 verwirrt den Betrachter durch die unkonventionelle Darbietung. Tàpies fügt in dieses großformatige Bild – es misst stolze 1,70 x 1,95m – mittig diesen realen Gegenstand ein, der auf die alltägliche Lebenswirklichkeit des Künstlers verweist.

Das gefaltete Tuch scheint an vier Seilen zu hängen, die in die mit Material ange¬reicherte Farbe illusionistisch eingeritzt wurden. Symmetrisch angeordnet verlaufen die vier Befestigungslinien aus den oberen Bildecken und scheinen mit den vier Ecken des eingeschlagenen Tuchs fest verknotet. Das Laken vermittelt einen dreidimensionalen Eindruck, wirkt wie eine Art Trage. Es eröffnet einen Bildraum, der gleichzeitig verschlossen bleibt, weil der Betrachter nicht imstande ist, in das Innere des bauchig aufgehängten Tuchs zu blicken. Was verbirgt sich im Innern des Tuchs? Allein die straffe Spannung der imaginierten Seile lässt an einen unsichtbaren Inhalt denken.

Im Gegensatz zur perspektivisch korrekten Ansicht des aufgehängten Tuchs gibt uns der mit Sand angereicherte, ockerfarbene Hintergrund des Bildes keinen Hinweis auf die Raumsituation, die die Funktion des Tuchs erklären könnte. Im oberen Bereich wird das Bild durch einen schwarzen, wolkigen Farbauftrag abgeschlossen und somit zumindest die Einteilung in Oben und Unten definiert.

Verschiedene Zeichen und Symbole strukturieren die Fläche: offene Dreiecke, die wie Pfeilspitzen oder das mathematische „Größer-als-Zeichen“ in die Fläche eingeritzt sind. Zugleich übersäen nach unten gerichtete schwarze V-Zeichen die obere rechte Bildseite und breiten sich auf dem innen liegenden Bereich des Tuchs aus, was seine Auffangwirkung verstärkt. Des Weiteren sind drei Kreuzformen auszumachen, in schwerer wie zarter Ausführung. Am oberen Rand des Bildes erkennt man geschweifte Klammern, die jedoch waagerecht statt – wie in der Mathematik üblich – senkrecht in die Farbe geritzt sind. Die Bewegungen im Bild weisen nach oben wie nach unten, das Kräfteverhältnis wirkt ausgeglichen. Sind es wirklich mathematische Zeichen, die Tàpies hier einsetzt oder werden hier Zeichen zu Symbolen?
Die Verwendung von Symbolen, ob tradiert oder vom Künstler selbst erdacht, spielt im Werk von Antoni Tapies eine entscheidende Rolle. Geprägt durch die katholische Mystik und beeinflusst von westlicher wie fernöstlicher Philosophie, gibt es eine Menge an wiederkehrenden Symbolen, Buchstaben und Zeichen, die seine Bilder mit Bedeutung aufladen: „Diese Zeichen setze ich spontan, intuitiv (…) wenn ich ein Zeichen setze, ein X oder eine Kreuz oder eine Spirale, empfinde ich dabei eine gewisse Freude. Ich sehe, dass das Bild mit diesem Zeichen eine bestimmte Kraft bekommt.“ Gleichzeitig aber verrätseln sie die Bilder auch, weil die Symbole und deren Kombinationen nicht oder nur kaum entschlüsselbar sind.

Das Werk entstand 1972, in einer Zeit, in der Tapies politische sehr aktiv war.
Er bezeichnet sich selbst als katalanischen Patrioten und war in der Zeit des Franco-Regimes in Spanien ein aktiver Oppositioneller. Obwohl seine künstlerische Arbeit immer an erster Stelle stand, verfasste er Polemiken gegen das Regime und unterstützte die Studentenbewegung für mehr Demokratie sowie die Autonomie-Bewegung der Katalanen. 1966 war er mehrere Tage in Polizeigewahrsam und 1971 musste er wegen der Teilnahme an einer Protestaktion eine hohe Geldstrafe zahlen. Der verhängte Ausnahmezustand 1969, der die Rechte der Bevölkerung weiter einschnitt, betraf ihn ebenfalls hart und bestärkte ihn in seinem Widerstand gegen das Regime. Ab Mitte der sechziger Jahre schuf Tàpies eine Reihe politische motivierter Bilder, die sich mehr oder weniger direkt als politische Äußerungen lesen lassen.

Die offensichtlichsten Werke zeigen deutliche Bezüge zur katalanischen Flagge und Inschriften wie ‚Catalunya libertat‘. Solche eindeutigen Bezüge auf eine politische Motivation bietet das Bild Ocker und Schwarz mit aufgeklebtem Tuch nicht, jedoch werden Assoziationen geweckt, die auf diese schweren Zeiten verweisen. So kann das Tuch sowohl als Leichentuch, als auch als improvisierte Trage zum Abtransport von Verletzten interpretiert werden. Obwohl kein menschlicher Abdruck im Tuch erkennbar ist, ist eine starke Beklemmung spürbar, die von ihm ausgeht. Fast wie eine Anklage wirkt die sorg¬fältige Drapierung des Tuchs, das Leid und Verletzungen impliziert. Das Ocker des umgebenden Raums ist erdgebunden, Schwarz steht für Verzweiflung in einer ‚dunklen Stunde‘. Erinnern die mathematischen Zeichen nicht an auffliegende Vögel?

Tàpies integriert in seine Bilder oft Versatzstücke aus dem Alltagsleben, die auf die aktuelle Lebenswelt in seiner Heimat Spanien anspielen. Zeichen und Symbole verbindet er mit archetypischen Seinszuständen, die dazu dienen, tiefere Realitäten zu beschreiben und zu eröffnen. „Meine Malerei, meine Schmutz-Malerei, ist (…) vieldeutig angelegt wie ein bewegliches Sprachgefüge. Die Wirklichkeit findet sich niemals direkt im Bild. Sie entsteht erst im Kopf des Betrachters durch Assoziationen. Das, was man als Realität in der Malerei bezeichnet, ist nur ein Zeichen, eine Chiffre für Realität. (…) Bild und Wort sind etwas sehr Mysteriöses und zugleich Gefährliches.“

(Sammlung Lambrecht-Schadeberg)

Kirsten Schwarz

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