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Kunstwerk des Monats

August 2013

Fiona Tan, Video "A Lapse of Memory", 2007

Einsamkeit. Verwirrung, Verfall, Vergessen. Beschäftigung mit alltäglichen und mit skurrilen Ritualen. Die Tage wiederholen sich, sie unterscheiden sich nur durch den Rhythmus von Schlafen und Wachen. Wie viele es sind, kann man nicht sagen. Das klassische Verständnis von Zeit löst sich auf, was ist schon eine Stunde oder ein Tag, eine Uhrzeit oder ein Datum?

In „A Lapse of Memory’“ erzählt Fiona Tan die Geschichte eines Mannes. Aber genauso wie das Verständnis von Zeit aufgelöst wird, so verschwimmen auch die klassischen Erzählstrukturen zu einem vielschichtigen Gewebe. Bild und Ton der Videoinstallation laufen manchmal passend zueinander, manchmal versetzt. Die Erzählung bleibt dabei oft fragmentarisch, die dargestellte Person selbst spricht nie.

Tan erklärt zunächst, wie sie sich den Charakter von Henry vorstellt. Sie beschreibt ihn und erwähnt, dass er an Demenz leidet. Im Weiteren gibt sie dem Betrachter zwei mögliche Versionen seiner Lebensgeschichte ; ob eine davon die „richtige“ ist, kann nicht beantwortet werden, aufgrund seiner Krankheit auch von ihm selbst nicht. Die Künstlerin nennt Henry in einer Version Eng Lee, der von Osten kommend über die See nach Westen fährt, auf der Suche nach seinem Glück. Er landet in der europäischen Welt, sieht viele neue, interessante und erschreckende Dinge und verklärt die Erinnerungen an seine Heimat. Henry dagegen fährt von Westen nach Osten, Neugier treibt ihn an, er erkundet neue Welten. In einem fernen Dorf verliebt er sich in eine junge Frau, doch die Bewohner sehen ihn als weißen Teufel, und töten die Frau nach der Nacht mit ihm. Er zieht weiter und bald wird seine Geschichte im Dorf zur Legende.

Hier werden schon für Tan wichtige Fragestellungen aufgeworfen: die Betrachtung des jeweils Anderen. Sei es der Blick des Reisenden auf die Einheimischen, auf das für ihn Exotische, Eremde oder der Blick des Ortsansässigen auf den reisenden Fremden, der für eine kurze Zeit in seiner Welt auftaucht und wieder verschwindet. 

Das Motiv der Seereise zieht sich durch Fiona Tans Arbeiten und bildet auch hier einen zentralen Punkt; egal, in welche Richtung Henrys / Eng Lees Reise verlief und aus welchen Motiven, sie ist der Grund für seine Verwirrung. Das Bild des West Piers, bekannt aus Tans gleichnamiger Fotoserie (2006/07) zeigt es deutlich: von seinen Erinnerungen ist nur noch ein Skelett übrig, das er immer wieder neu versucht zu füllen.   Ein geschlossener Raum gibt Sicherheit, in einem offenen kann man sich verlieren. Henry / Eng Lee versucht, die Lücken, die Wände zu füllen. Die Rituale helfen dabei, sie halten Erinnerungen fest. Dabei können sie sich verändern und neue Erinnerungen produzieren, und vielleicht kann Henry / Eng Lee damit eine neue Geschichte konstruieren. Tan sagt es im Film: „He is waiting for a story to make his home.”

Fiona Tan, A Lapse of Memory, 2007 Fiona Tan, A Lapse of Memory, 2007, Installationsansicht Museum für Gegenwartskunst Siegen
Courtesy the artist and Frith Street Gallery, London, Photo Thomas Kellner
Fiona Tan, A Lapse of Memory, 2007 Videostill aus "A Lapse of Memory", 2007 von Fiona Tan
(c) Tan and Frith Street Gallery, London

Im Bild stellt Tan aber nicht die Reise(n) von Henry / Eng Lee dar, sondern seinen Tagesablauf. Er wohnt in einem verlassenen Palast, er schläft auf dem Fußboden, auf einer rudimentären Schlafstatt. Nach dem Aufstehen praktiziert er Tai Chi in einem großen Raum, in dem sofort die prächtige Wandbekleidung auffällt. Sie steht mit ihren Mustern und Farben im Gegensatz zu der schlichten menschliche Gestalt. Auf das erste Ritual folgen weitere: eine Teezeremonie, den Boden kehren, Lichterketten in dunklen Räumen installieren, zu Abend essen, lesen, zu Bett gehen. Die Rituale bilden eine eigene Zeitrechnung. Was zunächst wie ein normaler Alltag erscheint, bricht immer wieder ins Absurde aus. Die Teezeremonie erscheint rudimentär und abrupt, der zu kehrende Boden ist entweder mit Teppich bedeckt oder es werden danach Brotkanten ausgestreut. Die Lichterketten werden in einem langen Flur ausgelegt. Das Abendbrot besteht nur aus Brot, leere Konservendosen werden hin- und hergeschoben, die Brotkanten in einem Papierbeutel aufgehoben. Henry liest mit zwei übereinander gesteckten Brillen. Er untersucht die Muster der Wandbekleidung und einen alten Globus im Dunkeln mit einer Taschenlampe. Er legt sich schlafen auf seinem harten Lager, obwohl im Palast Teppiche und Möbel vorhanden sind.

Nicht zuletzt ist der Ort ebenso merkwürdig wie sein Bewohner. Hier treffen Ost und West aufeinander; ein Europäer, der fernöstliche Riten und Gebräuche praktiziert, ein Gebäude, das in seiner Ausstattung vor Chinoiserie nur so strotzt, die aber durch die Mixtur verschiedenster Stile ihren westlichen Ursprung offenbaren. Schauplatz ist „The Royal Pavilion“, ein Prachtbau errrichtet von 1815-1822 unter dem damaligen Prince of Wales, dem späteren König Georg IV. von England. Der Architekt des Gebäudes, John Nash, bediente sich indischer Mogulpaläste und chinesischer Motive als Vorlagen. Weder er noch Georg IV. waren jemals selbst in Asien. Der Pavillon veranschaulicht die Assimilationskräfte von Kulturen und Individuen.  Henry / Eng Lee zeigt die auch die Kehrseite dieser Mechanismen. Für ihn ist dieser Ort wie eine geistige Landkarte; er durchstreift die Räume auf der Suche nach Erinnerungen, hält sich dabei an Ritualen fest.
Doch die vielen Räume stellen auch ein Problem dar. Denn wie viele Räume – auch einer „mental map“ – verkraftet ein Mensch, ohne sich in ihnen, ohne sein Zentrum zu verlieren?




Ines Rüttinger


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