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KUNSTWERK DES MONATS

August 2011

Giorgio Morandi, Paesaggio, 1961

Mit Landschaften beginnt und schließt das Werk des großen Einzelgängers in der Kunst des 20. Jahrhunderts, der gleichwohl unter dem Etikett "Flaschenmaler“ bekannt und als Spezialist für Stilleben gehandelt wurde, Giorgio Morandi, der zweite Rubenspreisträger der Stadt Siegen. Sieben Landschaften sind in der Sammlung Lambrecht-Schadeberg vertreten, von denen wir die zuletzt erworbene "Paesaggio" von 1961 betrachten wollen. Was bekommen wir zu sehen?

Zunächst eher karge Kost fürs Auge. Wir nehmen Farbe und Formen wahr, ohne sie konkret – motivisch zuordnen zu können. Das Bild sperrt sich, scheint verschlossen, bietet räumlich jedenfalls keinen Zugang. Statt des gewohnten Nacheinanders von Vorder-, Mittel- und Hintergrund türmen sich Farbformen in der Fläche übereinander. Tiefe wird allenfalls angedeutet. Der Blick des Betrachters trifft stattdessen auf Malerei im Vollzug. Erst in der Betrachtung der lichten Töne und ihrer Formungen, tritt Gegenständliches hervor: Eine Straße, der sich links eine Vertikale – ein Baum? ein Mast? – entgegenstellt. Ein abstraktes Motiv – und ein für das Bild ungemein wichtiges: Denn mit ihm reißt die olivgrüne Fläche auf, sie weicht zurück und lässt zum ersten Mal Tiefenräumlichkeit ins Bild. Aber der Riss geht nicht durch, der grüne Grund verschluckt den Riss, der Grund kann sich wieder in die Fläche legen. Dabei weist der Riss zugleich auf die vertikale Wand des Hauses, das über bzw. hinter der Wiese aufwächst. Es steht frontseitig zur Straße mit flachem Satteldach, an das ein zweites Haus zwillingshaft sich anschließt.

Die Häuser stehen auf der Wiese, zugleich aber auch in der Wiese, denn das Grün links des Hauses wirkt kaum entfernter als der Wiesengrund. Die Grenzlinie dieses Grüns geht in die schräg verlaufende Kontur des Daches über, sodass die Häuser bis zur Traufe in der Wiese stecken. Ihr Gefangen-Sein im grünen Grund wird dann vervollständigt von Baumkronen, die hinter den Häusern aufsteigen. Sie schließen die aneinandergrenzenden Häuser bogenförmig zusammen und zugleich ab gegen den hellblauen Himmel, der sich als dritte Farbzone über der grün dominanten unteren und der ockerfarbenen Zone der Häuser ausbreitet.

Die „Malerei im Vollzug“ lässt folglich in den lichtvoll-blassen Farben doch Gegenstände hervorkommen, welche eine Landschaft ausstatten mit Straße, Bäumen und Häusern – dies alles freilich knapp, sachlich, lapidar. Eine spröde Gegend, ohne Besonderheiten. Nur wenige Details erlaubt Morandis malerische Askese; die aber genügen, um sagen zu können, was für Häuser das sind und wo sie sich befinden. Wir haben es mit zwei der „Le tre case de campiaro“ zu tun, einem Gebäudekomplex schräg gegenüber von Morandis Domizil in Grizzana an einer Straße, die in verschiedenen Bildern als „La strada bianca“ fungiert. Hierin kam er seit 1927 regelmäßig im Sommer und hier besaß er seit 1961 ein eigenes Haus.

Geboren wurde er in Bologna, als ältestes von fünf Kindern 1890. Er besuchte die dortige Kunstakademie und war nach bestandenem Diplom 1913 an verschiedenen Volksschulen als Zeichenlehrer tätig. Doch erst die Berufung als Professor für Radiertechnik, 1930, an die Kunstakademie in Bologna ließ ihm dann Zeit für eine intensivere, eigene Arbeit. Obwohl seine Begegnung mit dem Kubismus und der Pittura Metafisica von ca. 1912 bis 1919 nicht ohne Auswirkungen blieb, fand Morandi relativ rasch seine eigene, unverwechselbare Position, die er konsequent ausbaute und differenzierte: „Ich hatte das Glück, ein ganz ereignisloses Leben zu führen“, resümierte er. Morandi mied deshalb auch das Reisen, er war zeitlebens nur zweimal im Ausland. Nach Siegen, zur Rubenspreisverleihung 1963 konnte er nicht mehr kommen, da war er bereits zu krank. Er starb ein Jahr später, 1964.

Das Zusammenstehen der Dinge, das Morandi in dieser Landschaft realisiert, ist in vielem vergleichbar mit dem stummen Beieinander von Flaschen, Kannen und Gefäßen, das Morandi in seinen Stillleben durchformuliert hat. Auch die Landschaften zeigen über die Jahre einen immer wieder ähnlichen Bildbestand. Hier wie dort aber geht es nicht mehr um eine Außensicht der Dinge, sondern letztlich um das, was ihrem Bestand zugrunde liegt, was ihre Wirklichkeit – ihre cosidetta realtà – bewirkt.                                                        

Gundolf Winter, 2010


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