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KUNSTWERK DES MONATS

August 2010

Andreas Gursky, Schiesser, 1991

Auf den ersten Blick wirken die beiden Fotografien von Andreas Gursky wie abstrakte Gemälde, ein Raster aus waagerechten Flächen und vertikalen Linien, unterbrochen von wellenförmigen Strukturen. Ein Bildmotiv ist in diesem Gewirr nicht auszumachen und erst beim näheren Hinsehen‚ scannt das Auge die großformatigen (je 166 x 226 cm) Fotografien und setzt aus Einzelbildern ein Ganzes zusammen. Es fehlt der Focus des Bildes, der Mittelpunkt, auf den der Blick sich richten könnte.

Andreas Gursky (geb. 1955 in Leipzig, lebt und arbeitet in Düsseldorf) gehört zu den bekanntesten und einflussreichsten Fotografen seiner Generation. Er fotografiert seit über zwanzig Jahren Flughäfen, Supermärkte, Großereignisse, Rennstrecken, Fabriken, Forschungsstationen, Wohnblöcke, Börsen und Landschaften. In allen Bildern mutiert der Mensch zur Ameise, zum austauschbaren Teilchen in einer von ihm selbst gestalteten Umgebung. Der Anteil des Einzelnen scheint unbedeutend, aber gleichzeitig wird deutlich, wie stark die Menschen die Formgebung ihrer Umwelt beeinflussen. So entstehen Bilder, die trotz eines konkreten Motivs wie abstrakte Formgebilde wirken.

Auf den ersten Blick wirken die beiden Fotografien von Andreas Gursky im Museum für Gegenwartskunst Siegen wie abstrakte Gemälde. Sie bilden ein Raster aus waagerechten Flächen und vertikalen Linien, unterbrochen von wellenförmigen Strukturen. Diesen Bildern muss sich der Betrachter langsam nähern, um dem Motiv auf die Spur zu kommen. Schließlich erkennt man Tische im Vordergrund, auf denen Stoffbahnen und verschiedene Vorrichtungen liegen, im oberen Teil verdichten sich die weißen Balken zu Neonröhren. Die vertikalen Linien entpuppen sich als Stahlrohre und Betonstützen, die wellenförmigen Gebilde sind dicke Stromkabel – es handelt sich um eine Fabrik. Der Titel schließlich verrät uns, dass es sich um die Trikotagen-Fabrik Schiesser handelt.

Auffällig ist die streng horizontal ausgerichtete Komposition der Bilder, welche durch das waagerechte Format der Fotografien noch verstärkt wird. So laufen die hellen Tischreihen und die kalten Neonröhren an den Fluchtlinien entlang in der Mitte der Bilder an einem Punkt zusammen. Dieser gipfelt bei Gursky nicht wie in einem Renaissancegemälde in einem besonderen Motiv, sondern im Nichts, in einer leeren Stelle der Fabrikwand.

Die Komposition seiner Fotografien erklärt sich in Gurskys Worten folgendermaßen: „Meine Vorliebe für klare Strukturen resultiert aus dem Wunsch oder vielleicht auch aus der Illusion, auf diese Weise die Übersicht zu behalten und die Welt in den Griff zu bekommen.“
Gursky geht es um den Überblick – oft in Form einer Panoramadarstellung – der dem wirklichen Besucher der Fabrikhalle so nicht gelingen kann. Die dort arbeitenden Menschen spielen dabei eine untergeordnete Rolle. Es gibt bei Gursky keine Bedeutungsebene innerhalb der Komposition, die formalistische Ausrichtung selbst ist sein Ziel.
Dazu trägt auch die extreme Tiefenschärfe und der Detailreichtum seiner Fotografien bei, es ist ein allsichtiger, fast allwissender Blick auf die Orte und Räume, die er zeigt, aber nie ein wertender.

Andreas Gursky, der aus einer Fotografen-Familie stammt, erhielt seine Ausbildung bei Bernd und Hilla Becher, deren Meisterschüler er von 1985 bis 1987 war. Bechers Ziel war die Entsubjektivierung der Dokumentarfotografie, wofür sie feste Regeln in der Bildgestaltung entwarfen. Gursky hingegen emanzipierte sich von den Vorstellungen der Bechers und schafft in seinen Bildern einen äußerst subjektiven Blick auf die Dinge, indem er sie arrangiert und, seit 1993, digital bearbeitet. Gursky überwindet mit seinen Arbeiten die Grenze zwischen Dokumentar-Fotografie und Kunst. Er erzeugt eigene Orte. Auch die Serien, die er anfertigt, unterliegen eigenen Gesetzen. Die entstehenden abstrakten Kompositionen verweisen auf eine bewusste Künstlichkeit der Fotografien, die ein hohes Maß an Ästhetik ermöglicht. Die Ansichten gewöhnlicher Dinge geraten zu optischen Sensationen, wenn sie aus neuen Blickwinkeln betrachtet und in ihrer eigenen Formensprache präsentiert werden.

(Sammlung Museum für Gegenwartskunst Siegen)

Kirsten Schwarz


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