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Kunstwerk des Monats

April 2014

Bridget Riley, "Quiver I", 2014

Das erste, was in Bridget Rileys Wandgemälde „Quiver I“ auffällt, ist seine Offenheit. Dreieckige Formen, deren eine Seite in einer Art Flügelpaar auslaufen, stoßen von links oben nach rechts unten wie ein vorbeiziehender Vogelschwarm auf die weiße Fläche der Museumswand. Auf den ersten Blick scheinbar ungeordnet bilden die Dreiecke Gruppen, so dass größere Zwischenräume entstehen, die Durchblicke auf die weiße Wand gewähren. Die Formation hat zu keiner Seite eine Begrenzung durch einen Rahmen, sie ist nach allen vier Seiten erweiterbar und erscheint wie eine Momentaufnahme der gestreuten Formen. Die unregelmäßige Anordnung der Dreiecke innerhalb der sechs regelmäßigen horizontalen Reihen öffnet diese Reihenstruktur wieder und lässt das Schweifen des Blicks über das gesamte Gemälde zu. So stoßen plötzlich größere weiße, ebenfalls dreieckige Formen ins Auge, die mehrere Reihen in der Horizontalen umfassen können und deren Ausrichtung in die entgegengesetzte Richtung, also nach links oben, weist. Diese Formen entstehen durch das Aneinanderstoßen von mindestens drei schwarzen Dreiecken über zwei Reihen. Teilweise erscheinen sie als komplette Formen, an anderer Stelle aber auch als unvollständig, sie werden erst im Auge ergänzt. Die zwei gegenläufigen Bewegungen in „Quiver“ lassen die Gesamtstruktur zu einem Kippbild werden, in dem das Auge des Betrachters ständig zwischen den beiden kontrastierenden Dreiecksformen und dem Richtungswechsel hin und her springt.

Das gleichseitige Dreieck der schwarzen Grundform wurde an einer Seite eingeschnitten, so dass eine Flügelform aus zwei sich überlappenden Kreissegmente entstand, diese wiederum bilden die Einstülpungen der weißen Formen. Da jeweils eine weiße und eine schwarze Form direkt aneinander stoßen, bilden sie zusammen eine Raute, würde man aus sechs der schwarzen Formen ein Sechseck legen, erschiene eine perfekte Blütenform. Trotz der regelmäßigen geometrischen Formen lässt „Quiver“, bedingt durch die Formen der Kreissegmente, eine Vielzahl von Assoziationen zu. Ob Segel, Drachen, Blüten oder Vögel, der Betrachter kann all dies in den Formen ergänzen. Basierend auf der Regelmäßigkeit vieler Naturformen fällt es uns leicht, offene Formen zu Bekanntem zu komplettieren. Auch die offene Komposition, welche ein wichtiges Merkmal der Wandgemälde Bridgets Rileys darstellt, verlockt zu immer neuen Blickrichtungen und Assoziationen. Dennoch wirkt das Bild trotz der dynamischen diagonalen Bewegungen geerdet. Die dominierenden schwarzen Formen bilden von rechts nach links gelesen eine Art Marschformation innerhalb der horizontalen Reihen und lassen diese plötzlich schwer und dominant erscheinen. So verändern sich beim Betrachten des Wandbildes nicht nur die Bewegungsrichtungen, sondern auch der Antrieb der gesamten Komposition.

Die verschiedenen Wirkungen des Bildes auf den Betrachter entstehen in allen Bildern Rileys durch die Wahrnehmung des menschlichen Auges. Es sind die Interaktionen der gewählten Bildelemente, die zu scheinbaren Vibrationen oder Kippbewegungen führen. Der Betrachter aktiviert erst das Bild. Durch diese Aktivierung wird der Akt des Sehens selbst bewusst gemacht. Bei „Quiver I“ wird die multistabile Wahrnehmung angesprochen, welche zu einem unvorhersagbaren und unvermeidbaren Wechsel in der Wahrnehmung führt. So ändert sich die Bewegungsrichtung eines dynamischen Reizmusters, ohne dass sich der Reiz selbst oder die Stellung des Betrachters verändern muss.[i]

Die Natur - und damit auch die sie hervorrufenden Wahrnehmungsphänomene – ist für Bridget Riley ein dynamisches Zusammenspiel visueller Kräfte, eher Ereignis als Erscheinung.[ii] Die Entwicklung innerhalb ihrer Malerei ist selbstreferenziell, denn Bridget Riley reflektiert ihre Arbeiten und konstruiert die Ausgangssituation periodisch immer von neuem, um jeweils ein anderes Resultat und damit eine neue Wirkung zu erzielen. Schrittweise nähert sie sich so dem gewünschten Ergebnis und fügt aus ihrem Fundus an Formen immer neue Varianten in ihre Bilder ein. Das nächste Bild ist immer das ‚Untersuchungsergebnis‘ des vorhergegangenen. [iii]

Seit 1998 verlässt Bridget Riley zeitweise die Leinwand um Wandgemälde zu konstruieren. In der Ausstellung „White Noise“ in Bern entstand das erste Bild der Serie „Composition with Circles“. Die Idee, einen tiefen, nicht illusionistischen Raum von größeren Ausmaßen zu konstruieren, war der Ausgangspunkt. Auch die Erfahrung der Betrachtung eines Wandgemäldes und die Wirkung seiner Ausmaße faszinierten sie.[iv] Die Einheiten wurden größer, die Farben, mit denen sie seit 1980 in vielfältiger Weise arbeitete, verringerten sich auf der Wand wieder.[v] Bridget Riley konstruiert ihre Arbeiten in kleinem Maßstab auf kariertem Papier, um über eine anschließende Studie zum eigentlichen Werk zu kommen. Die Entwicklung des Entwurfes auf diesem Weg beschreibt sie prägnant: „Studien haben mit Aspekten zu tun, Gemälde mit Totalität. (…) Augenfälliger Unterschied ist die Maßstäblichkeit.“[vi]

Trotz ihres Interesses an geometrischen Formen und deren Gestaltungsvielfalt weist Bridget Riley jedes mathematische Interesse von sich und besteht auf der empirischen Entwicklung ihrer Werke anhand  analytisch-synthetischer Untersuchungsmethoden. Bezeichnend für ihre Einstellung zur Geometrie ist ihre ungewöhnliche, auf die visuelle Wirkung und nicht auf die mathematischen Gesetzmäßigkeiten gerichtete Beschreibung eines Dreiecks: „Nehmen sie ein (…) Dreieck – es hat drei Punkte, drei gegenläufige Richtungen, ein zentriertes Volumen im Inneren und eine unruhige Kantenlage nach außen.“[vii] Den Zusammenhang ihrer Arbeiten sieht sie konsequenterweise nicht in den geometrischen Möglichkeiten, sondern den Bezügen der Formen untereinander wie Konstanz und Wandel, Kontrast und Harmonie, Auflösung und Verdichtung sowie Richtung, Rhythmus, Tempo und Wiederholung.[viii]

Das Konzept der als Serie angelegten Wandgemälde „Quiver“ entstand 2013 und bildet eine Fortsetzung der „Composition with Circles-Serie“, indem die übereinanderliegenden Kreise und die daraus entstehenden Linsenformen hier in eine geschlossene florale Form überführt wurden. Anders als ihre bisherigen Wandgemälde, die sie als temporäre Aufführungen betrachtet, ist das Wandgemälde für Siegen ein permanentes Werk. Im Januar 2014 wurde es vom erfahrenen Assistententeam aus der Schweiz nach dem Entwurf Bridget Rileys aufgetragen. Ein Wunsch Rileys aus dem Jahr 2011 wurde nun durch den Erwerb des Wandbildes durch die Sammlung Lambrecht-Schadeberg erfüllt: „But one day, perhaps, someone with a wall may ask me to do one (painting) where it can last for longer.“[ix] Für die nächsten Jahre wird „Quiver I“ permanent auf der Foyerwand des Museums für Gegenwartskunst Siegen zu sehen sein. Um dort – wie kann es schöner kommen – den eintreffenden Besuchern zu demonstrieren, dass erst ihr wandernder Blick die Komposition aktiviert. Und damit das Kunstwerk nicht für sich selbst steht, sondern erst im Bezug auf seine Betrachter zur Vollendung gelangt.

Kirsten Schwarz

 

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[i] Dies ist auch die Wirkung sogenannter Vexierbilder, die durch eine spezielle Konstruktion zwei verschiedene Bildinhalte gleichzeitig vermitteln. S. www. wikipedia.de die Artikel zu „Vexierbild“ und „multistabile Wahrnehmung“.

[ii] S. Bridget Riley, Malerei/Painting 1980-2012, Katalog Siegen, 2012, S. 15.

[iii] S. Anm. 2, S. 17f.

[iv] S. Bridget Riley, „ Conversation with Michael Harrison”, August 2011, in: Bridget Riley, Color, stripes, planes and curves, Katalog Cambridge 2011.

[v] S. Bridget Riley, Malen um zu sehen, Gesammelte Schriften 1965-2001, Ostfildern 2002, S.249.

[vi] Zitat aus: Gespräch mit Robert Kudielka, 1972. S. Anm. 4, S. 80.

[vii] Zitat aus Anm. 5, S. 82.

[viii] S. Anm. 5, S.83.

[ix] S. Anm. 4.


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