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Kunstwerk des Monats

April 2013

Emil Schumacher, "Barein", 1960

„Bildmaterial und Bildmaterie: das eine steht am Anfang, das andere am Ende. Das Material bedeutet Inspiration und Widerstand zugleich. Aus dem Wesen, aber auch aus dem Widerstand des Materials formt sich das Bild. Der Charakter des Bildes kann nicht nur der seiner Materialien sein.“

Widerstand, Aneinanderreiben, zerstörte Formen, katastrophale Landschaften, Material und Materie – viele dieser Schlagwörter werden oft für die Bilder von Emil Schumacher (1912 – 1999) verwendet.

Tatsächlich scheinen die abstrakten Malereien Schumachers mit einer Art von roher Kraft, einem ursprünglichen Gestus entstanden zu sein, wie Überreste eines Naturphänomens. Generell zeichnet sich Schumachers Werk durch starke Materialität aus. Die Farbe wird als Material verwendet, die „Farbmaterie“ wird zur Substanz des Bildes. Um diese Substanz zu steigern, um sie in den Raum hinein wirken zu lassen, hat Schumacher manchmal auch Sand, Sägemehl oder andere Stoffe beigemischt. Im Gegenzug scheinen manchmal die Leinwand oder das Holz durch die Farbe hindurch, die Farbe trocknet und bricht auf, der Maler greift zudem noch ein und bearbeitet das Material und fügt bisweilen die Linie als zeichnerisches Element hinzu.

In der Arbeit Barein von 1960 füllt eine erstarrte, sandfarbene Farbkruste die Leinwand, die an einigen Stellen aufbricht um die dahinterliegende schwarze Schicht freizulegen. Oder hat die schwarze Farbe Spuren gelegt, Täler und Furchen in den „Sand“ gegraben? Bisweilen hat sie wie eine Flut die Ränder übertreten und ist über die beige Fläche geflossen. Flecken von Blau und Rot tauchen auf dem schwarzen Grund auf, als würde die Veränderung auf der Oberfläche weitergehen; wie Reaktionen des freigelegten, aufgespülten Materials auf seine neue Umgebung. Rostspuren oder Grünspan kommen in den Sinn, als Zeugen einer Oberfläche, die sich stets weiterentwickelt.

Die Verknüpfung mit katastrophalen Landschaften, obwohl sie strenggenommen nicht Gegenstand der Bilder sind, wurde 1959 an prominenter Stelle in der Zeitschrift Magnum hergestellt. Anlässlich der documenta II erschien eine Ausgabe, in der Schwarz-Weiß-Fotografien Schwarz-Weiß-Reproduktionen von Kunstwerken gegenübergestellt wurden. Emil Schumachers Barbaros wurde neben einer erodierten, vegetationslosen Landschaft abgebildet. Dadurch ergab sich zwangsweise eine bestimmte Lesart des Gemäldes.

In Schumachers Bildern sind jedoch keine bestimmten und damit bestimmbaren Formen vorhanden. So kann man eigentlich auch nie sagen, ob es sich um eine Fläche oder um ein Relief handelt, ob die Formen bewusst gesetzt oder Produkte des Zufalls sind, ob es Figuren- oder Landschaftsbilder sind oder nicht. Der Betrachter kann sich in dem Bild verlieren, muss die Farbe mit dem Auge abtasten und erkunden, kann sich darin verlieren.

Die Titel der Arbeiten von Schumacher sind oft Anlass für Spekulationen.
Nach Peter Handke erfahren diese zunächst klar erscheinenden Namen oft eine Umkehr ins Unbewusste, ins Archaische.

Barein ist der Titel dieser Arbeit von Emil Schumacher. Die Schreibweise mag verschieden sein, dennoch liegt die Verbindung zum gleichnamigen Inselstaat Bahrain im Persischen Golf nahe. Die Landschaft dort ist geprägt von Sand und Dünen und findet sich möglicherweise auf der Oberfläche des Gemäldes wieder.

Verfolgt man diesen Informationsstrang weiter, so ergeben sich neue Verknüpfungen. Bahrain, das bedeutet „Zwei Meere“. Und wie zwei Meere scheinen sich die schwarzen Farbflächen auf der Fläche zu verhalten, scheinbar kratzend und grabend an der „festen“ Masse des Sandes. Wieder anders gedacht, mag dem geografisch versierten Betrachter die rechte schwarze Form wie der Umriss der Hauptinsel erscheinen. Hat Schumacher vielleicht diese Ähnlichkeit gesehen und spontan den Titel geschaffen?

Oder wieder anders: löst man sich von der Vorstellung, dass es sich um eine Landschaft aus der Vogelperspektive handelt, könnte man auch an einen Querschnitt durch Bodenschichten denken. Spuren von Epochen und Erdzeitalter würden so sichtbar. Vergessenes, Verschüttetes, Vergrabenes, was unter Jahrtausenden alten Schichten lagert, nun freigelegt und entdeckt. Was für Schätze mögen sich dort verbergen? Schwarze Flüssigkeit unter Sand lässt vielleicht auch an Öl denken, was vielleicht eine weitere Verknüpfung von Barein und Bahrain sein könnte.

Zeitgleiche Bilder mit ähnlicher Materialität und Farbgebung sind nun wieder ganz anders benannt; da wären Hephastos und Zessa (beide 1959) oder Peu à peu (1960). Wie Schumacher selbst erklärt, sind viele Titel „Wortmalereien, die auf das Bild eine Antwort geben. Das Kind muss einen Namen haben, das ist mir lieber als eine anonyme Nummerierung, es ist somit unverwechselbar.“ Schumacher sträubt sich also gegen eine sachlich-objektive Bezeichnung und eröffnet durch die Namensgebung zusätzliche Assoziationsfelder und Geschichten, wodurch sich die Bilder noch fester in unser Gedächtnis prägen.

Maßgeblich hat Schumacher die Kunstgeschichte bereits 1948 mit der Gründung der Künstlervereinigung „junger westen“ geprägt. Zusammen mit anderen Künstlern versucht er eine Anknüpfung an die Kunst der Moderne vor dem Dritten Reich zu schaffen sowie eigene Ausdrucksformen zu entwickeln. Nach einem Parisaufenthalt 1951 malt er die ersten ungegenständlichen Bilder und prägt so die Kunstströmung des Informel mit, die sich im Spannungsfeld von Formauflösung und Formwerdung bewegt.

So sind Parallelen zu anderen Künstlern des Informel in Schumachers Schaffen zu finden, wie Pierre Soulages, Wols, Jean Fautrier, Jean Dubuffet oder zwei anderen Rubenspreisträgern: Hans Hartung und Fritz Winter. Das Augenmerk auf das Material schlägt sich besonders in seinen Tastobjekten nieder und rückt Schumacher in die Nähe eines weiteren Rubenspreisträgers: Antoni Tàpies. Diese Anklänge machen deutlich, dass Schumachers Gestaltungsweise keinem festgelegten Konzept oder Stil folgt, sondern sich in jedem Bild neu findet: „Von Bild zu Bild geht er [Schumacher] das Risiko des Gelingens oder des Scheiterns ein, denn in jedes Bild investiert er von neuem die Kraft des Augenblicks.“

Dennoch findet sich bei allen Werken Schumachers eine Art ähnliches Bildgefüge, das sich aus Aktion und Reaktion beim Malvorgang ergibt. Bei Schumacher steht die schaffende Geste im Vordergrund.

Diese schaffende Geste ist in allen Werken Schumachers sichtbar und resultiert aus der bereits beschriebenen Arbeitsweise. Zudem brachte Schumacher seinen ganzen Körper, seine Kraft und seinen Willen in jedes einzelne Bild ein. Und dennoch bleiben die Bilder offen, verkünden weder eine Botschaft, Doktrin, Moral, oder Politik, sondern bleiben stets Bilder, mit all ihren Eigenschaften und Lesarten.



Ines Rüttinger

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