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KUNSTWERK DES MONATS

April 2011

Emil Schumacher, Libusa, 1995

„Alles, was ist, hat die ihm gemäße Form oder ist bestrebt, Form anzunehmen: die Inselbildung nach der Überschwemmung, die Schneereste nach der Schmelze, die Schlacke nach dem Brand. Die Form, die das Leben zur Voraussetzung hat – die Form, die das Leben enthält – ist formlos und doch Form.“ (Emil Schumacher)

Das großformatige Bild „Libusa“, eine Arbeit aus dem Spätwerk Emil Schumachers (1912–1999), besticht durch sein leuchtendes Rot sowie eben jene im Zitat angesprochene „formlose Form“. Zunächst findet der Betrachter keinen Halt, es gibt keine Figur oder andere gegenständliche Formen, die man erkennen könnte. Stattdessen breitet sich vor unserem Auge eine höchst dynamische Bildwelt aus, die sich einerseits durch das kräftige Rot auszeichnet, andererseits durchzogen ist von schwarzen ungelenken Linien, lackartigen bräunlichen Stellen und weißen Ballungen. Geht man nah an das Gemälde heran, so erkennt man reliefartige Strukturen, die sich aus einem pastosen Farbauftrag ergeben und eine starke haptische Wirkung erzielen.

Generell zeichnet sich Schumachers Werk durch starke Materialität aus. Auch in „Libusa“ wird die Farbe als Material verwendet, die „Farbmaterie“ wird zur Substanz des Bildes. Um diese Substanz zu steigern, um sie in den Raum hinein wirken zu lassen, hat Schumacher zum Teil Sand, Sägemehl oder andere Stoffe beigemischt. Maßgeblich hat Schumacher die Kunstgeschichte bereits 1948 mit der Gründung der Künstlervereinigung „junger westen“ geprägt. Zusammen mit anderen Künstlern versucht er eine Anknüpfung an die Kunst der Moderne vor dem Dritten Reich zu schaffen sowie eigene Ausdrucksformen zu entwickeln. Nach einem Parisaufenthalt 1951 malt er die ersten ungegenständlichen Bilder und prägt so die Kunstströmung des Informel mit, die sich im Spannungsfeld von Formauflösung und Formwerdung bewegt. So steht bei Schumacher die schaffende Geste im Vordergrund. In „Libusa“ kann man den Arbeitsprozess fast schon körperlich spüren: Die ausgreifenden gestischen Bewegungen des Malers finden sich als halbkreisförmige Bögen im Bild wieder und verleihen ihm zusätzlich zum pastosen Farbauftrag eine körperliche Präsenz und existentielle Gegenwärtigkeit. Es finden sich große Gesten, kraftvolle Formen, dynamische Bewegungen bei Beschränkung auf einen intensiven farbigen Effekt. Das leuchtende Rot wird in „Libusa“ durch das Schwarz und ein wenig Weiß noch feuriger. Assoziationen an Vulkanausbrüche, Eruptionen oder Landschaft mit Bergrücken werden geweckt. Allein die sedimentierten Farbschichten erinnern an den natürlichen Prozess des Werdens und Vergehens.

Der Titel „Libusa“ klingt geheimnisvoll, mystisch. Und tatsächlich ist Libusa (eigtl. Libuše) eine legendäre Figur in der böhmischen Sagenwelt. Schumacher (er)findet die meisten seiner Titel allerdings erst nachträglich. Wie er selbst erklärt, sind viele Titel „Wortmalereien, die auf das Bild eine Antwort geben. Das Kind muss einen Namen haben, das ist mir lieber als eine anonyme Nummerierung, es ist somit unverwechselbar.“  Trotz des Titels bleibt „Libusa“ jedoch unbestimmt. Es bildet vielmehr eine eigene Topografie in seiner bewegten reliefartigen Oberfläche und der intensiven Farbigkeit. Das Spannende an Schumachers Bildern ist gerade diese Unbestimmtheit, da man auf formaler Ebene nie sicher sein kann, ob es sich um eine Fläche oder um ein Relief handelt, ob das Formenspiel ornamental oder abstrakt gedacht ist, ob es Perspektive oder Tiefe gibt, ob es sich um Figuren- bzw. Landschaftsgemälde handelt, oder nicht. Es sind also keine bestimmten und damit bestimmbaren Formen vorhanden, eher sind es Konturen, die ein Innen/Außen oder ein Oben/Unten ermöglichen.

Der Betrachter kann sich in dem Bild verlieren, in die Bildwelt eintauchen, muss diese farbige Landschaft sehend erkunden. Peter Handke beschreibt die Wirkweise von Schumachers Bildern als „Lusterweckung, oder Augenöffnung, in der Weise einer Erweiterung des Blickfeldes durch das Hinzutreten des […] ,inneren Augesʻ. Und dieses verstärkt seine Wirkung noch mit dem dritten, dem vierten Blick, und sofort: bis eben aus dem unsteten Hinschauer erst jener stete Betrachter geworden ist.“ So wie das Bild erst im Arbeitsprozess zwischen spontaner Geste und bedachtem Farbauftrag entsteht, muss auch der Betrachter den Bild-Kosmos schichtweise erkunden und es in seine eigene Welt überführen.

(Sammlung Lambrecht-Schadeberg)

Ines Rüttinger


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