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KUNSTWERK DES MONATS

April 2010

Hans Hartung,, „T1981-H27“, 1981

Das große quadratische Leinwandbild von 1981 zeigt in vertikaler Ausrichtung ungegenständliche, formlose schwarze Farbfelder. Eine mit einem Pinsel angelegte Farbform aus zwei Strängen ist im linken Bildfeld angeordnet, eine chaotischere, gespritzte Klecksformation im rechten Bildfeld. Beide Farbfelder stehen über einem hellen grau-gelb-blauem Hintergrund.

Wie es den damaligen Werkstattgepflogenheiten des Rubenspreisträgers Hans Hartung entsprach, wurden die in feinsten Farbabstufungen modulierten Blockstreifen des Hintergrundes von Assistenten vorbereitet: von links nach rechts wurde ein deckender Farbverlauf von lichtgrau über hellzitronengelb, graublau und hellblau nach kobaltblau angelegt und getrocknet. Die darüberliegende Bildschicht aus schwarzer Farbe trug Hans Hartung dann selbst auf. Mit einer Spritzpistole spritzte und schleuderte er im Rollstuhl sitzend erst kleinere und größere Farbmassen auf die Leinwand. Dann bearbeitete er sie im noch feuchten Zustand mit verschiedenen Malwerkzeugen. Links strich er mit einem weichen, spitz zulaufenden Pinsel die Farbe von der jeweiligen Farbbahnmitte zu den seitlichen Begrenzungen hin aus. Die Härchenstruktur bleibt dabei an den Rändern erkennbar. Wie kleine strubbelige Hütchen oder blattartige Finger heben sich die Pinselspuren von dem Bildgrund ab. Für die malerische Bearbeitung der rechten Bildhälfte nahm Hartung einen farbgetränkten Reisigbesen zur Hilfe, den er mit viel Kraft in mehreren Zügen und Schwüngen, hauptsächlich in vertikaler Ausrichtung über die Leinwand zog.

Hans Hartungs (1904-1989) unmittelbare, in ihrer Wirkung an Dynamik, Eleganz, Kraft und Frische beeindruckende Arbeit „T1981-H27“ entstand in seinem letzten Schaffensjahrzehnt. Während dieser Zeit lebte Hartung gemeinsam mit seiner Frau, der Malerin Anna-Eva Bergmann, in einer von ihm selbst entworfenen Wohnhausanlage mit angegliedertem Atelier im südfranzösischen Antibes, wohin er sich 1972 zurückgezogen hatte. Von der Außenwelt hielt er sein hier entstehendes umfangreiches Spätwerk verborgen. Selbst Fachleuten aus der Kunstwelt, die ihm einen Besuch abstatteten, ahnten nichts von seinem äußerst produktiven Schaffen.
Die Gründe für diese Geheimniskrämerei haben wohl zugleich einen strategischen als auch persönlichen Hintergrund: 1945 war Hartung nach entbehrungsreichen Jahren auf dem Höhepunkt seiner künstlerischen Karriere angekommen. Weltweit wurde er nun als einer der Hauptvertreter der informellen Malerei, der lyrisch-gestischen Abstraktion der École de Paris gefeiert. In wichtigen internationalen Ausstellungen und durch bedeutende Ehrungen – Hans Hartung war Teilnehmer der documenta I (1955), II (1959) und III (1964) in Kassel und erhielt 1956 den Guggenheim-Preis für Europa-Afrika, 1957 den Rubenspreis der Stadt Siegen, 1960 den Preis der Biennale von Venedig – wurde sein Schaffen gewürdigt. Jedoch gelangte er mit dem Aufkommen neuer künstlerischer Strömungen zu Beginn der 1960er trotz weiterer künstlerischer und gesellschaftlicher Ehrungen in Vergessenheit.

Als künstlerisches Fossil, so glaubte man lange Zeit, arbeite Hartung in den 1970er und 1980er Jahren in jenem informellen Stil weiter, wie er dies in den Gemälden und Papierarbeiten während der 1950er und 1960er Jahren getan hatte. Dass dies nicht der Fall war, bezeugt „T1981-H27“. Denn hier führt Hartung die gestische Malweise gleich in zwei Variationen vor: Die schwarze Farbform der linken Bildhälfte ist spontan und expressiv, allerdings ist die Hand mit dem Pinsel geführt und kompositorisch gelenkt. Was formlos erscheint, ist doch Form. Die rechte Bildhälfte dagegen entstand als unmittelbare Umsetzung einer körperlichen Geste, sie ist als direkte Entladung von Energie auf der Leinwand, als „psychografische Spur“ oder als „Existenzprotokoll“ zu lesen: „Es ist der emotionale Zustand, der mich dazu treibt, bestimmte Formen zu zeichnen. Das gibt mir eine große Befriedigung, auf der Leinwand zu agieren, denn ich kann die Spur meiner Gestik auf der Leinwand oder auf dem Papier hinterlassen“, protokollierte Hartung in seinem „Selbstporträt“.

Insbesondere mit seiner Arbeitsweise seit 1972, als er in seiner „Factory“ unterstützt von bis zu sechs Assistenten bis zu einem Dutzend Bilder am Tag malte, war Hartung nicht nur wieder auf der Höhe seiner Zeit. Mit dem noch radikaleren Verfahren seiner letzten Lebensjahre ab 1984, als er nunmehr teilweise gelähmt aus mehreren Metern Entfernung mit landwirtschaftlichen Zerstäuberspritzen Bilder in nur 10 bis 20 Sekunden malte, ist er vermutlich wieder seiner Zeit voraus.

(Sammlung Lambrecht-Schadeberg)

Stefanie Scheit-Koppitz


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