KünstlerKatharina Grosse

Malerei, Architektur, Fotografie

5 Fragen an Katharina Grosse

Seit 2014 befindet sich die Arbeit ,,Ohne Titel" aus dem Jahr 2013 von Katharina Grosse (geb. 1961, lebt und arbeitet in Berlin) in der Sammlung des Museums für Gegenwartskunst Siegen. Sie entstand für die Ausstellung ,,At Work", kuratiert von Museumsdirektorin Eva Schmidt und dem Schweizer Gastkurator Roman Kurzmeyer. Zurzeit ist die 4 x 12,50 m große und in Digitaldruck auf Seide produzierte Arbeit ausgestellt. Museumsmitarbeiterin Ann-Katrin Drews führte aus diesem Anlass ein Kurzinterview mit der Künstlerin.

 

Ann-Katrin Drews: Frau Grosse, Ihre Arbeit "Ohne Titel" von 2013 wird aktuell in der Ausstellung „Die andere Hälfte“ gezeigt. Die Arbeit folgt auf eine Installation im Projektraum der Kunsthalle Bern; wie haben Sie damals die Arbeit auf der Wand realisiert?

Katharina Grosse: Die Arbeit in Bern, wie auch die in Siegen, kam durch die Einladung von Roman Kurzmeyer zustande, aber in Bern habe ich die Arbeit direkt in eine Ecke des Raumes gesprüht. Die Idee dafür kam mir in dem Moment, als ich den Raum das erste Mal betrat und mein Blick genau auf diese Ecke fiel. Ich dachte mir, genau so wie mein Blick spontan dort oben auf die Wand gefallen und ungehindert über die Deckenleiste und Ecke hinweggeschweift ist, könnte ein Bild direkt auf der Architektur landen. Dass ein Bild sich über die architektonischen Strukturen hinwegsetzen kann, das wurde mir in diesem Moment erst so richtig bewusst und daher nimmt die Arbeit eine Schlüsselfunktion in meinem Werk ein.

Ich habe vorher ein kleines Modell gebaut, um die Platzierung der Arbeit und vor allem ihre Größe im Raum zu erproben. Das von mir gewählte Phthalo Green Blue Shade von Golden sollte das natürliche Raumlicht der Berner Situation verstärken und ins Künstliche überführen.

Katharina Grosse, Ohne Titel, 1998
Installationsansicht Kunsthalle Bern - (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Ohne Titel, 1998. Installationsansicht Kunsthalle Bern

Katharina Grosse, Ohne Titel, 1998
Installationsansicht Kunsthalle Bern - (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Ann-Katrin Drews: Welche Schritte durchlebt das Bild in der Übersetzung, wenn man es als Fotografie auf Seide druckt?

Katharina Grosse: Auf den Rezipienten des Fotos übt das Fehlen des Originals eine große Faszination aus. Das Nie-Erlebte doch sehen. In dem Seidentuch kollabieren das 
Nie-Gesehene und die Erfahrung der Originalgröße, des Wirklichkeitsmaßstabes zu einer paradoxen Erfahrung. Das seidene Tuch für Siegen verhüllt die architektonische Struktur (also die Raumecke), die die Bedingung der fotografisch wiedergegebenen Arbeit war und die auf dem Tuch auch abgebildet ist. Das seidene Tuch bildet eine Art Rückkopplungsschleife. Die Wiedergabe der Arbeit selbst
 ist eine Täuschung, die in Echtgröße zeigt, dass die Arbeit abwesend ist.

Katharina Grosse, Ohne Titel, 1998
Installationsansicht Kunsthalle Bern - (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Ohne Titel, 1998. Installationsansicht Kunsthalle Bern

Katharina Grosse, Ohne Titel, 2013 - (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2018. Photo Sabine Reitmeier

Ohne Titel, 2013. Installationsansicht Museum für Gegenwartskunst Siegen, Ausstellung "At Work", 2013.

Ann-Katrin Drews: In der Villa Medici in Rom, wo man eine Auflage des Werks vor Kurzem sehen konnte, ebenso wie im MGK, geht es um den Begriff Dialog – Gegensätze, Austausch, das Neben-und Miteinander spielen eine Rolle. Wie sehen Sie dieses wiederkehrende Wechselspiel mit ihrer Arbeit „Ohne Titel“ verknüpft?

Katharina Grosse: Ich denke, es geht darum, mit der Arbeit in Beziehung zu treten und auch zu empfinden, wie die Arbeit mit anderen Bildern in Resonanz steht, wo sich Anknüpfungspunkte ergeben, wo sie zu einer anderen Arbeit, einem anderen Bild führt.

Ann-Katrin Drews: „Die andere Hälfte“ antwortet sozusagen auf die Sammlung Lambrecht-Schadeberg, in der der Fokus auf Malerei liegt. Hatten Sie schon einmal Gelegenheit sich die Siegener Sammlung anzuschauen? Oder anders gefragt: Gibt es unter den Preisträgern einen Maler, den Sie besonders schätzen?

Katharina Grosse: Ja, Twombly zum Beispiel. Seine Zeichnungen sind mit die ersten, die ich in meinem Leben je gesehen habe – als ich als 6- oder 7-jähriges Kind mit meinen Eltern durch das Museum der Bochumer Universität lief. Das Viele auf seinen Bildern wirkt auf mich so, als ob es aus etwas herausgerissen ist. So als ob man ein Stück Gras samt Wurzeln, Erdballen und Tierchen aus der Erde reißt und schreit: „Guckt mal!“ Nichts ist vermittelt. Ich schätze diese Dringlichkeit und das Maß an Erregung in seinen Bildern sehr. Aber auch die sehr unterschiedlichen Körperbezüge bei Lassnig, Bacon und Freud haben mich lange sehr beschäftigt und angeregt.