361º MuseumSammlung Lambrecht-Schadeberg / Rubenspreisträger der Stadt Siegen

Schwarz-weiße Kunst bekennt Farbe

Ein Bericht von Gastautorin Brigitte Wambsganß

Große Kunst kann sich auch mit nur zwei Farben verwirklichen – das dokumentiert die aktuelle Sammlungspräsentation „Im Fokus Schwarz und Weiß“, die bis 30. November zu sehen ist. Sie zeigt Werke von Rubenspreisträgern und -preisträgerinnen, die auch ohne die bunte Palette Farbe bekennen: Die jeweilige „Handschrift“ ist in den Schwarz-Weiß-Arbeiten deutlich zu erkennen.

 

Eine Neuerwerbung brachte Prof. Dr. Christian Spies, Kurator der Sammlung, auf die Idee einer Sonderpräsentation von schwarz-weißen Werken aus der Sammlung Lambrecht-Schadeberg: Die kleinformatige, quadratische Arbeit „Turn“ von Bridget Riley aus dem Jahr 1964. Die Meisterin der optischen Täuschung hat Dreiecke so raffiniert angeordnet, dass das Auge des Betrachters eine sich drehende Walze zu erkennen glaubt. Die Dreiecke sind in der Mitte des Blattes schwarz und werden zu den Rändern hin immer heller. Auch die Arbeit „Uneasy Centre“ (1963), eine Scheibe, die sich scheinbar dreht, beschränkt sich auf die Kontrastfarben. „Bridget Riley war früher auf Schwarz-Weiß-Kontraste fokussiert“, erklärt Prof. Spies beim Rundgang. Der Kurator war im Depot des Museums sehr schnell fündig geworden und hat sowohl neu erworbene als auch bereits vorhandene schwarz-weiße Werke von Rubenspreisträgern für die Sonderpräsentation zusammengestellt.

Kurator Christian Spies vor Bridget Riley "Turn", 1964 - (c) Museum und Bridget Riley

Sammlungskurator Prof. Dr. Christian Spies vor der Neuerwerbung "Turn" von Bridet Riley.

Schwarz und Weiß. Arbeiten von Bridget Riley
Sammlung Lambrecht-Schadeberg / Rubenspreisträger der Stadt Siegen
Museum für Gegenwartskunst Siegen - (c) Bridget Riley

Von Bridget Riley besitzt die Sammlung eine ganze Reihe von Gemälde aus den 1960er Jahren, die den Schwarz-Weiß-Kontrast erforschen.

Nicht alle Rubenspreisträger sind vertreten – Giorgio Morandi, Francis Bacon, Lucian Freud und Niele Toroni fehlen. Bewusst wurde auf einige Bilder verzichtet, weil sie nicht ins Konzept passten.

Schwarze, fließende Linien bestimmen die frühen abstrakten Tuschezeichnungen von Hans Hartung. Schwer und beklemmend wirkt dagegen Emil Schumachers Werk „Fluss“:  Asphalt ergießt sich im breiten Strom über die helle, von feinen schwarzen Linien durchzogene Acrylfläche. „Das Bild war von Anfang an in der Sammlung“, erläutert Prof. Spies. Auch der Minimalist Cy Twombly nutzte den Kontrast der Farben Schwarz und Weiß für seine großformatigen „Blackboards“ schlicht benannt „Ohne Titel“ (1967) und  „Ohne Titel (Rom)“ (1966): Weiße Linien – mal Kringel, mal  viergeteilte Rechtecke – dokumentieren die Gesten des Künstlers bei der Arbeit: Archaisch, scheinbar unkontrolliert und doch durchdacht. Schwarz und Weiß vermischt sich bei Fritz Winters Ölbild „Kristall" aus dem Jahr 1933 zu vielfältigen Grautönen: Die sich überlagernden Facetten des Edelsteins sind so angeordnet, dass man den Eindruck hat, ins Innere hinein zu sehen.

Rupprecht Geiger, berühmt für seine Farbexplosionen kann auch Schwarz-Weiß: Sein geliebtes Rot ist in der Arbeit „G1/87 Rot mit Schwarz“ (1987) nur im Titel vorhanden – und im Kopf des Künstlers. „Schwarzer Kopf“ (1955/1956) und „Tachistisches Knödelselbstportrait“ (1960/61) heißen die ironischen Selbstportraits von Maria Lassnig. Während der „Kopf“ noch an die naturalistische Form erinnert, kann man im Knödel-Bild im Wirrwarr schwarzer Linien das Portrait nur erahnen. Letzteres entstand in New York, wo sich Maria Lassnig – so Prof. Spies – „von den übermächtigen Männern der Wiener Kunstszene“ emanzipierte. Ganz anders das Werk „Graubraunes Oval“ 1959 von Antoni Tàpies: Hier bestimmt das Material die Wirkung. Die mit Marmorstaub versetzte Ölfarbe gibt ihm plastisches Format.

Emil Schumacher, "Fluss", 1983
Sammlung Lambrecht-Schadeberg / Rubenspreisträger der Stadt Siegen - © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Werke von Emil Schumacher, Bridget Riley, Cy Twombly, Fritz Winter und Rupprecht Geiger, gezeigt in "Schwarz-Weiß".

Cy Twombly, "Untitled (Rome)", 1990
Sammlung Lambrecht-Schadeberg / Rubenspreisträger der Stadt Siegen - (c) Cy Twombly Foundation, New York
Rupprecht Geiger, Rot mit Schwarz (G1 87), 1987 - (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Der spektakulärste Raum gehört Sigmar Polke. Die 14 Blätter der Reihe „Höhere Wesen befehlen“ (1968) stehen für den hintergründigen Witz des Künstlers. Dieser äußert sich auch in den riesigen Werken „Lösungen I – IV“ (1969): Polke präsentiert zwar Schwarz auf  Weiß einfache Rechenaufgaben – aber die Lösungen sind immer falsch. Das für Polkes Punktraster-Technik prägnante Werk „Strand“ (1966) ist  – obwohl schwarz-weiß – in der Sonderpräsentation nicht dabei – es kommt erst in wenigen Wochen aus London zurück. Dafür sind vier Linsenrasterbilder von 2006 zu sehen, darunter drei Arbeiten der Gruppe "Strahlen Sehen", die Polke für die Rubenspreisträgerausstellung 2007 fertigte und die sich seither in der Sammlung befinden.

Sigmar Polke, Strahlen Sehen, 2006 - (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Sigmar Polkes Rasterbilder "Strahlen Sehen", 2006 und die "Lösungen" von 1969

Sigmar Polke, Lösungen, I und II, 1969 - (c) The Estate of Sigmar Polke / VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Dr. Eva Schmidt, Direktorin des Museums, sieht die Sonderpräsentation  als „temporären Schwerpunkt der Sammlung“. Diese hat noch Spielraum für weitere Themen-Ausstellungen. Denn im Depot des Museums lagern noch ungefähr genauso viele Werke der Rubenspreisträger wie in den Museumsräumen ausgestellt sind. Eine weitere Gruppe von Bildern ist auf Reisen – sie werden derzeit in anderen Museen gezeigt.

Die Autorin Brigitte Wambsganß war bis zu ihrer Pensionierung Redakteurin der Westfälischen Rundschau. Sie lebt in Freudenberg.