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Kunstwerk des Monats

September 2013

Hans Haacke, Fotonotizen, documenta 2, 1959

Hans Haackes 26-teilige Fotoserie „Fotonotizen“ zeigt Besucher der Weltkunstausstellung. Sie beleuchtet das Verhältnis zwischen Kunstwerk und Betrachter. Ebenso zeigt sie einen Blick hinter die Kulissen des Kunstbetriebs: Putzfrauen bei ihrem täglichen Rundgang, den Ausstellungsaufbau, aber auch Besucher, die mit ihren fragenden Blicken zwischen den Kunstwerken verloren scheinen.

Hans Haacke (geboren 1936 in Köln, lebt und arbeitet in New York) studierte Malerei an der Staatlichen Werkakademie in Kassel. Sein Lehrer war der berühmte abstrakte Maler und Rubenspreisträger Fritz Winter.

1959 arbeitete Haacke als Hilfskraft auf der documenta 2. Noch weit entfernt von seinem heutigen Status als renommierter Konzeptkünstler, machte sich der 23-jährige Student mit seiner neuen Kamera namens „Exakta“, der billigsten Import-Spiegelreflexkamera auf dem westdeutschen Markt, auf den Weg und dokumentierte verschiedene Typen von Museumsbesuchern im Umfeld der Kunstausstellung. Häufig scheinen sie in einem Missverhältnis zu den Kunstwerken der Ausstellung zu stehen.
So zeigt eine Fotografie der Serie beispielsweise zwei deutsche Verbindungsstudenten vor einem Werk Kandinskys. Der Kunstkritiker Walter Grasskamp beschreibt diese Situation folgendermaßen: „Die Studenten standen für jene Burschenschaften, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts für eine liberale deutsche Nation eingetreten waren. […] Kandinsky dagegen, der von 1896 bis 1914 und von 1922 bis 1933 in Deutschland gelebt hatte, stand für eine andere Tradition, nämlich für die internationale Freihandelszone der Kunst, die das deutsche Reich zwischen 1850 und 1933 gewesen war.“  Grasskamp bezeichnet diese Konfrontation treffend als „historisches Spannungsverhältnis“.

Eine weitere Fotografie Haackes zeigt zwei ältere Männer vor einem abstrakten Gemälde, die verzweifelt versuchen, den Inhalt des Ausstellungskataloges in Einklang mit dem ausgestellten Werk zu bringen. Sie scheinen eine Erklärung zu suchen. Ihre Blicke wirken ratlos und verloren, als könnten sie nicht glauben, was sie da sehen. Haacke verstand sich darauf, ganz im Sinne des dokumentarischen Reportagestils, diesen besonderen, authentischen Augenblick mit seiner Kamera einzufangen.

Haackes Werk zeigt aber auch komische Situationen, die bei den Betrachtern einige Fragen aufwerfen und beinahe karikaturhaft wirken. So zeigt ein Foto einen kleinen Jungen, den Rücken einem Kandinsky-Gemälde zugewandt, wie er geistesabwesend in einem Micky-Maus-Heft blättert, statt seine Aufmerksamkeit der ausgestellten Kunst zu widmen. Grasskamp nimmt diese Szene als einen „Vorgriff auf den ästhetischen Vandalismus der Pop Art“  wahr.

Die Intention der documenta 2, die vom 11. Juli bis zum 1. Oktober 1959 in Kassel stattfand, war es, die von den Nationalsozialisten als „entartet“ betitelte Kunst wieder ins Blickfeld zu rücken. Ein großes Anliegen von Initiator Arnold Bode und dem künstlerischen Leiter Werner Haftmann war es, die Kunst der Nachkriegszeit mit Fokus auf die abstrakte Kunst zu zeigen. Es wurden Künstler wie Lovis Corinth, Max Ernst, Paul Klee und Franz Marc oder Wassily Kandinsky präsentiert. Künstler, deren Kunstwerke 1937 unter den Nationalsozialisten auf der Ausstellung „Entartete Kunst“  diffamiert wurden. Zudem wurden US-amerikanische Künstler wie Jackson Pollock vorgestellt, die neue Wege innerhalb der abstrakten Malerei beschritten.
Für die Besucher der documenta eröffnete sich somit eine ganz neue, bisher verborgen gebliebene Welt der Kunst.

Erst 1981 wurden Haackes Fotografien bei Recherchen von Walter Grasskamp zur Geschichte der Kasseler documenta wiederentdeckt. Er plante einen Bildband über die ersten sechs documentas und stieß dabei auch auf die dokumentarischen schwarz-weiß-Aufnahmen von Hans Haacke. Die technische Qualität unterschied sich erheblich von den anderen Abzügen, die Grasskamp im Kasseler Archiv durchsah. Die handwerkliche Unversiertheit des Fotografen war nicht zu übersehen, jedoch fiel auf, dass er einen außergewöhnlichen Scharfblick für das Motiv hatte.
Ohne die Identität des Fotografen der beeindruckenden Aufnahmen zu kennen, entschied sich Grasskamp für eine Veröffentlichung. Zufällig war Haacke der erste, der die Publikation zu sehen bekam. Für Grasskamp überraschend stellte sich Haacke als der unbekannte Fotograf von 1959 heraus. Weitere Aufnahmen, die er 1959 gemacht hatte und Grasskamp schickte, bestätigten das außerordentliche Talent des damals jungen Studenten und deuteten bereits auf Haackes kunstsoziologisches Interesse hin. Die Fotoarbeit ließ schon damals Themen aufscheinen, die später für Haacke werkbestimmend werden.

Denn Haackes künstlerisches Werk – insbesondere jene Arbeiten, die im Anschluss an seine frühen systemischen Skulpturen der 1960er Jahre entstanden sind, provozieren. Sie bieten Anstöße und Anlässe zu breit und kontrovers geführten Diskussionen. Gerne greift der Künstler aktuelle und durchaus komplexe Themen aus Politik, Ökonomie oder Gesellschaft auf. Dabei geht es Haacke insbesondere darum, Machtverhältnisse aufzudecken oder wirtschaftliche Interessen – auch des Kunstbetriebes – zu hinterfragen. Das gilt sowohl für seine in den verschiedensten Medien angelegten Arbeiten der 1970er Jahre, die zur politischen Concept Art hinzugerechnet werden als auch seine postkonzeptuellen Installationen aus jüngerer Zeit.
In Deutschland wurde Hans Haacke einer breiten Öffentlichkeit mit seiner Installation DER BEVÖLKERUNG bekannt. Diese Arbeit entstand für den Berliner Reichstag im Jahr 2000. Sie befindet sich im nördlichen Lichthof des Bundestages, im Freien, und besteht aus einem riesigen Pflanzbeet, das mit Heimaterde der Bundestagsabgeordneten befüllt wurde und weiterhin von neuen Abgeordneten befüllt wird. Zusätzlich ist das Pflanzbeet mit einem mittig gesetzten, riesigen Schriftzug „Der Bevölkerung“ versehen, der eine Antwort auf die Inschrift des Reichstagsgebäudes „Dem deutschen Volke“ ist.
Haacke sagt zu seinem Werk: „Und das ist insofern sehr schön und spannend, weil sich mit dieser Erde, die aus dem Wahlkreis gebracht wird, dann ja sehr oft eine Geschichte verbindet. Es ist nicht irgendeine Erde, sondern es ist Erde aus historisch bedeutenden Orten des Wahlkreises, infrastrukturell, also wirtschaftlich bedeutenden Orten, es kommt Erde mit Geschichte, mit echten Bezügen zu dem jeweiligen Wahlkreis.“
Getragen von den Medien entfachte sich zu Beginn eine polemische Diskussion, die auch auf den Bundestag selbst übergriff, der mit nur zwei Stimmen Mehrheit das Kunstwerk genehmigte.
Dabei führte schon Haackes erste geplante Ausstellung in einem amerikanischen Kunstmuseum, dem Guggenheim New York, 1971 zu einem Skandal. Sie wurde vor der Eröffnung noch abgesagt, weil eine seiner Arbeiten sich mit dem Geschäftsgebaren einer großen, dort ansässigen Immobilienfirma auseinandersetzte und die Institution Angst vor Klagen der Sponsoren hatte.

Haackes geschärfter, kritischer Blick auf die Verflechtungen zwischen Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft zieht sich als Konstante durch sein Werk. Somit darf  die Fotoserie „Fotonotizen, documenta 2, 1959“ als ein Schlüsselwerk Hans Haackes betrachtet werden. Mit einem kritischen Blick und Gespür für den besonderen Moment gelangen ihm authentische Aufnahmen der zweiten Weltkunstausstellung. Erst nachträglich erklärte Haacke seine frühen Fotos zu einer künstlerischen Arbeit. 2001 stellte er aus insgesamt 300 Aufnahmen einen Satz von 26 Fotos zusammen. Der hier vorgestellte Satz befindet sich im Besitz des Museums für Gegenwartskunst Siegen. Seit Museumseröffnung als Dauerleihgabe gezeigt, wurde die Arbeit im Sommer 2013 mit Sondermitteln des Freundeskreises angekauft.

Dem heutigen Besucher wird bei der Betrachtung ein Spiegel vorgehalten.
Ebenso, wie die Besucher der documeta 2, müssen wir immer wieder aufs Neue lernen, uns im Museum zu orientieren und uns mit den Werkformen und Inhalten von aktuellen künstlerischen Arbeiten auseinanderzusetzen.                                                            

Janina Althaus

Der fünfte Band der Schriftenreihe des Museums, verfasst von Walter Grasskamp, widmet sich ausführlich den „Fotonotizen“ von Hans Haacke. Das Buch ist im Museumsshop erhältlich.


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